Kompass.

Interview mit Martin von Broock

Der Wertenavigator.

20. Februar 2026 – Als Mitglied des Beirats für Integrität und Nachhaltigkeit bei Mercedes-Benz bringt Dr. Martin von Broock unterschiedliche Perspektiven zusammen. Im Interview erklärt der Wirtschaftsethiker, warum konstruktive Diskussionen unverzichtbar sind, wie Unternehmen Orientierung geben können – und weshalb nachhaltiges Handeln mehr ist als moralische Pflicht.

Herr von Broock, Sie haben Unternehmen, Verbände und Ministerien im Bereich der Wirtschaftsethik beraten. Welche Kompetenzen und Erfahrungen kommen Ihnen bei der Arbeit im Beirat für Integrität und Nachhaltigkeit am häufigsten zugute?

Martin von Broock: Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel ist für mich das Wichtigste. In meiner Beratungsarbeit habe ich mit Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammengearbeitet – von der Energiewirtschaft bis zur Finanzbranche. Dieser differenzierte Blick hilft mir oft bei der Beiratsarbeit. Bei Debatten frage ich mich: Wie schaut da jetzt die Politik drauf? Oder ein Verband? Eine NGO? Juristen gehen anders an ein Thema heran als Klimawissenschaftler. Diese Perspektivenvielfalt im Blick zu behalten, ist die Grundlage guter Beiratsarbeit.

Sie leiten seit 2014 das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik. Was ist dessen konkrete Mission?

Martin von Broock: Kurz gesagt: Das Wittenberg-Zentrum ist ein Thinktank (eine Denkfabrik zur Entwicklung von Lösungen, Anm. d. Red.) und wir beschäftigen uns mit alltagstauglicher Wirtschaftsunternehmens- und Führungsethik.

Warum alltagstauglich?

Martin von Broock: Weil wir Brücken zwischen der Forschung und der Praxis bauen. Dabei treibt uns die Frage um, wie man Themen wie Respekt, Vertrauen und Miteinander mit echter Substanz füllen kann. Jenseits des Bullshit-Bingos. Uns ist es wichtig, dass ein Unternehmen und seine Führungskräfte mit diesen Erkenntnissen auch wirklich arbeiten und gut umgehen können.

Dr. Martin von Broock, Leiter des Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik.
Dr. Martin von Broock, Leiter des Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik.

Was bedeutet das konkret für Mercedes-Benz?

Martin von Broock: Die Grundfrage der Ethik lautet: „Was soll ich tun?“ Das ist vor allem dann wichtig, wenn Regeln fehlen, sich widersprechen oder Werte in Konflikt geraten – etwa bei neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz, wo Anwendungsnutzen und Datenschutz kollidieren. Mein Ziel ist es dann, Mercedes-Benz und seinen Führungskräften eine gewisse Orientierung zu geben. Wichtig dabei: Werte verordnet man nicht top-down, sie kommen aus der Mitte des Unternehmens. Wir alle gestalten sie mit durch die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Unternehmen wie Mercedes-Benz prägen so aktiv mit, was wir unter Anstand, Verantwortung und Integrität verstehen – in großen wie in kleinen Entscheidungen.

Bei Moral denkt man schnell an Klimaschutz – und den vermeintlichen Konflikt zwischen Eigennutz und globaler Verantwortung. Sehen Sie das auch so?

Martin von Broock: Das ist in meinen Augen oft zu kurz gegriffen. Beim Klimaschutz geht es nicht nur um die Überlebensfähigkeit des Planeten, sondern auch um Themen wie Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze. Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz – das ist kein Entweder-oder. Bei nachhaltigen Entscheidungen von Mercedes-Benz geht es gleichzeitig um eine langfristig wirtschaftlich erfolgreiche Entwicklung, die Arbeitsplätze und Wachstum sichert. Und auch beim Thema Integrität gibt es einen ökonomischen Aspekt – keine Geschäfte ohne Vertrauen.

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem eine Beiratsempfehlung einen konkreten Einfluss auf Entscheidungen des Unternehmens hatte?

Martin von Broock: Einzelne Entscheidungen auf den Beirat zurückzuführen, wäre anmaßend. Wir arbeiten eher als Kompass und weniger als Navigationssystem. Dabei führen wir immer leidenschaftliche, manchmal kontroverse, aber stets konstruktive Diskussionen. Und das zu unterschiedlichsten Themen. Unsere Frage lautet immer: Wie kann das Unternehmen trotz harter Realitäten Wirtschaftlichkeit und Werte verbinden? Also attraktiv für Kunden und Kapitalmarkt bleiben, ohne dabei Mitarbeitende und Menschenrechte oder die Umwelt zu vernachlässigen.

Mein Fokus liegt dabei beim Integritätsmanagement. Denn Mercedes-Benz muss immer öfter Entscheidungen unter Ungewissheit und unklaren Regeln treffen, zum Beispiel, wenn bei neuen Technologien die regulatorischen und ethischen Leitplanken noch nicht abschließend definiert sind. Da stehen wir auch im Dialog mit ganz verschiedenen Teams und Abteilungen. Vor einiger Zeit hatte ich etwa einen spannenden Austausch zum Thema KI und Digitale Ethik. Andere Beiräte bringen sich an anderen Stellen ein. Diese Diskussionen und die Zusammenarbeit mit den Teams sind ebenso wichtig wie das, was wir an den Vorstand herantragen.

Mercedes-Benz hat sich ehrgeizige Ziele im Bereich der Nachhaltigkeit gesetzt. Und das in einer wirtschaftlich herausfordernden Zeit. Welche Strategien helfen dabei, diese zu erreichen?

Martin von Broock: Es ist wichtig, dass Mercedes-Benz am Anspruch der Nachhaltigkeit trotz des aktuellen Gegenwinds festhält. Und das gelingt am besten, wenn man Nachhaltigkeit als ein Erfolgs- und Überlebensprinzip begreift und nicht als Form der moralischen Pflicht oder des regulatorischen Übels. Wir handeln nicht nachhaltig, weil uns irgendjemand dazu zwingt. Sondern weil die wissenschaftliche Faktenlage eindeutig ist und langfristig nur die nachhaltigen Geschäftsmodelle am Markt bestehen werden. Man sieht das an stark wachsenden Volkswirtschaften wie beispielsweise China – die haben ihre Wachstumsstrategie bereits genau daraufhin ausgerichtet. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, dass Mercedes-Benz auch nach außen klarmacht: Wir halten am Ziel der CO₂-neutralen Flotte fest. Das kann mittelfristig zu einem echten Differenzierungsmerkmal gegenüber Wettbewerbern werden. Der Weg kann sich ändern – das Ziel aber bleibt.

Was haben Sie in fast zehn Jahren als Beirat persönlich gelernt?

Martin von Broock: Zwei große Erkenntnisse: erstens, dass man alles immer anders sehen kann – und andere das auch tun. Das schärft die Offenheit für neue Blickwinkel. Zweitens lernt man, dass es für große Konzerne wie Mercedes-Benz schlichtweg unmöglich ist, allen Ansprüchen gleichzeitig gerecht zu werden. Umso höher schätze ich die Bereitschaft, sich dennoch damit auseinanderzusetzen und sich auch unbequemen Diskussionen zu stellen.

Wie schafft man es, auch als Gremium integer zu handeln?

Martin von Broock: Indem wir streiten. Konstruktiv, natürlich. Indem wir unsere Sichtweisen und Positionen austauschen und diskutieren. Und indem wir manche Dinge nicht tun – beispielweise geben wir keine gemeinsamen Stellungnahmen ab oder beziehen als Beirat öffentlich für Mercedes-Benz Position.

Wir haben viel über das große Ganze gesprochen. Aber wie sieht integres und ethisches Handeln für jeden Einzelnen von uns aus?

Martin von Broock: Es gibt da eine ganz einfache Maxime: Handele immer so, dass du es später nicht bereuen musst. Denn du bist die Person, mit der du den Rest deines Lebens verbringen wirst. Konkret kann das heißen, dass wir uns gerade bei schwierigen Entscheidungen Gedanken machen und Zeit nehmen sollten, statt impulsiv zu handeln. Das ist nicht einfach im Zeitalter von Medien, die uns permanent triggern. Aber: Die meisten von uns haben einen ziemlich guten inneren Kompass. Wir müssen nur auf ihn achten.

Zur Person Schließen

Martin von Broock leitet seit 2014 das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik (WZGE)  und unterstützt Unternehmen und Organisationen durch Forschung, Beratung und Moderation. Vor seiner Arbeit am WZGE beriet er mehrere Jahre lang in einer internationalen Kommunikations- und Politikberatung Unternehmen und Verbände aus den Branchen Finanzen, Immobilien und Energie sowie verschiedene Bundes- und Landesministerien. Martin von Broock ist seit 2018 Mitglied des Beirats für Integrität und Nachhaltigkeit bei Mercedes-Benz und beratendes Vorstandsmitglied im Global Compact Netzwerk Deutschland.

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