Nächste berufliche Station: Mercedes-Benz Digital Factory Campus – Qualifizierung zur Junior-Softwareentwicklerin

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In ihren ersten 17 Jahren bei Mercedes-Benz hat Sandra Büchler als Lieferantenentwicklerin im Werk Berlin dafür gesorgt, dass benötigte Teile rechtzeitig für die Fahrzeugproduktion verfügbar sind. Als Teilnehmerin des Berliner Pilotprojekts „Digitale Pioniere“, das auch an weiteren Mercedes-Benz Standorten ausgerollt wird, schlägt sie gerade ein neues Karrierekapitel auf: Sie wird Junior Software-Entwicklerin. Künftig werden das Programmieren mit Java Script und Fragen der Datenanalyse ihren Arbeitsalltag bestimmen. Ein Gespräch über Lernbereitschaft, Transformation, Teamwork und welche Software Sandra Büchler in ihrem Leben noch fehlt.

Hallo Frau Büchler, Sie sind 2003 für die Ausbildung als Industriekauffrau zu Mercedes-Benz gekommen. Warum haben Sie sich damals für das Unternehmen entschieden?

Mercedes-Benz bot für mich als Arbeitgeber gute Perspektiven und auch Sicherheit. Für Mercedes zu arbeiten war tatsächlich immer mein Traum. Ich wollte von Anfang an dorthin. Ich hatte eigentlich schon bei einem anderen Unternehmen den Ausbildungsvertrag zur IT-Systemkauffrau unterschrieben, als die Zusage von Mercedes kam. Das war wie ein Sechser im Lotto!

Nach Ihrer Ausbildung haben Sie dann den Job in der Logistik angefangen – wie sind Sie dazu gekommen?

Zugegeben, die Logistik hatte ich zuerst nicht auf dem Schirm. Aber als ich dann angefangen hatte, wollte ich aus der Logistik nicht mehr weg! Grund dafür sind neben den spannenden Aufgaben vor allem auch meine Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich großes Glück hatte. Für mich war schon immer wichtig, dass die Zusammenarbeit und die Stimmung passen. In den ersten zehn Jahren habe ich deshalb mit Begeisterung unsere jährlichen privaten Teamfahrten an die Ostsee organisiert.

Wie können wir uns das Team vorstellen?

Wir sind ein Team mit vielen unterschiedlichen Hintergründen – manche haben, wie ich, eine Ausbildung als Industriekaufleute gemacht, andere haben studiert oder einen Produktionshintergrund. Von den unterschiedlichen Perspektiven habe ich bei meiner Weiterentwicklung sehr profitiert.

Das Werk muss sich verändern und da war klar: Ich muss mich auch verändern. Dann gilt es auch, nach fast 20 Jahren bereit zu sein, nochmal etwas Neues zu lernen. Ich will dabei sein, wenn das Werk sich transformiert und sehen, wie wir das gemeinsam schaffen.

Nach 15 Jahren als Lieferantenentwicklerin sind Sie nun eine der ersten Teilnehmerinnen des neuen Projekts „Digitale Pioniere“ bei Mercedes-Benz. Sie bilden sich jetzt zur Junior Softwareentwicklerin weiter. Wie groß ist Ihre Entdeckungsfreude auf diesem Gebiet?

Elektromobilität und Digitalisierung sind bei uns im Unternehmen zentrale Themen. Diese Transformation betrifft unseren Standort als Produktionswerk von Komponenten und Motoren für Verbrenner enorm. Das Werk muss sich also verändern und da war klar: Ich will mich auch verändern. Da gilt es, auch nach fast 20 Jahren bereit zu sein, nochmal etwas Neues zu lernen. Ich will dabei sein, wenn das Werk sich transformiert und sehen, wie wir das gemeinsam schaffen. Es ist für mich absolutes Neuland und ich bin eine der wenigen im Programm, die keinerlei Vorkenntnisse hatte. Ohne dafür offen zu sein und den Willen zu haben, kann man das nicht schaffen.

Wie lief das Auswahlverfahren ab?

Ich nahm an einer „Digital Challenge“ teil, bei der ich 15 Fragen zu digitalen Themen auf Englisch beantwortet habe. IT-Grundkenntnisse waren dabei nicht erforderlich. Danach erfuhr ich schnell, dass ich die Challenge erfolgreich absolviert hatte. In einem persönlichen Gespräch, wurden meine aktuellen Englisch-Kenntnisse, sowie die Motivation zu dieser berufsbegleitenden Qualifikation abgefragt. Es hatten sich wirklich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür beworben. Insgesamt haben mehrere Hundert meiner Berliner Kolleginnen und Kollegen an der Challenge teilgenommen. Am Ende wurden elf Teilnehmende ausgewählt, darunter ich, die das Programm erstmalig durchlaufen. Wir stammen aus verschiedensten Berufsgruppen, vor allem aus der Produktion. Mittlerweile gibt es schon eine zweite Gruppe von angehenden Junior-Softwareentwicklern in Berlin. Es werden bestimmt noch weitere folgen.

Sie haben im November 2021 begonnen. Wie integriert sich die Qualifikation in Ihren Arbeitsalltag?

Wir sind zwei Tage pro Woche für das Projekt freigestellt und da die Qualifizierung online stattfindet, kann man sich die Lernzeit und auch den Lernort flexibel einteilen. Anfangs war es für alle im Team natürlich eine Umstellung sich aus dem laufenden Betrieb rauszulösen. Inzwischen haben wir auch noch Verstärkung im Team und ich kann mich optimal auf die Qualifizierung konzentrieren. Einige Herausforderungen bleiben aber natürlich immer. Die besprechen wir in unseren wöchentlichen „Pionierstunden“ um die Erfahrungen auch weiter zu geben um der Folgegruppe den Weg zu ebnen.

Und wie gestaltet sich das Lernen?

Nach jeder Lektion wird das Wissen geprüft, indem man eine Projektaufgabe bearbeitet und abgibt. Nach dem ersten Qualifikationsblock gab es eine „Digital Challenge 2.0“. Hier wurden gelernte Fähigkeiten abgefragt, um den Qualifizierungsstand einschätzen zu können und die Lerninhalte der weiteren Vertiefung abzuleiten. Danach geht es dann in die Spezialisierung – entweder zum Front End Developer oder Full Stack Developer. Ich habe mich fürs Front End entschieden, also den für den Nutzer sichtbaren Teil einer Website oder App. Zum Programm gehören neben der Theorie auch Praxiseinsätze. Dafür werden in der Mercedes-Benz Group kleine Aufträge oder laufende Projekte genutzt, bei denen wir mitarbeiten, um erlernte Fertigkeiten zu festigen. In Summe sind es zwischen 290 bis 330 Stunden Online-Lernen in Englisch. Anfangs musste ich mir viele Worte übersetzen, da mir die englischen Fachbegriffe des Programmierens nicht geläufig waren. Mittlerweile ist dies immer weniger nötig. Vor dem Hintergrund, dass das ganze Coden in Englisch ist und viele Software-Entwicklungsteams multikulturell sind, macht Englisch absolut Sinn. Das merkte ich auch in der zweiwöchigen Hospitation bei unserem Softwareentwickler MBition.

Sandra Büchler, hier als Hospitantin bei MBition, befindet sich als eine der ersten Teilnehmerinnen des Pioniere-Programms im Mercedes-Benz Werk Berlin auf der Zielgeraden ihrer Weiterbildung als Junior-Softwareentwicklerin.

Wie sieht denn der Arbeitsalltag einer Softwareentwicklerin in der Praxis aus?

Während meines Praxiseinsatzes bei MBition habe ich gemerkt – der Arbeitsalltag ist eindeutig anders als mein bisheriger: täglich findet ein Scrum Meeting, zusammen mit dem Scrum Master, dem Product Owner und dem Entwicklerteam statt, das sogenannte „Daily“, an dem man Arbeitsstände bespricht und sich dazu mit den Teammitgliedern austauscht. Zudem gibt es bei MBition Desksharing. Man hat also keinen fest zugewiesenen Arbeitsplatz, sondern wählt jeden Morgen seinen Platz. Das kannte ich so bisher noch nicht, finde das Konzept aber super. So kann man seinen Arbeitsplatz abhängig von den jeweiligen Aufgaben am Tag festlegen – beispielsweise neben bestimmten Kolleginnen und Kollegen oder einen ruhigeren Platz für konzentriertes Arbeiten. Die rund 200 Teams bei MBition sind sehr international besetzt, die Mitarbeitenden stammen aus 60 verschiedenen Nationen, die Kommunikation läuft überwiegend auf Englisch und alle arbeiten agil nach der Scrum-Methode. Bei MBition gibt es keine klassischen Hierarchien, sondern die Teams arbeiten interdisziplinär und selbstorganisiert sehr respektvoll und wertschätzend miteinander. Während ich vor der Hospitation dachte, in einem Softwareunternehmen würde den ganzen Tag programmiert, stelle ich fest, dass tatsächlich ein Großteil der Arbeit von Kommunikation bestimmt ist. Es gibt viele Regeltermine zum Austausch: Was hat der Kunde für Vorstellungen? Wie gehen wir genau vor? Innerhalb von zweiwöchigen Sprints muss dann das Ergebnis da sein. Dabei programmiert man oft paarweise, der Wissenstransfer spielt eine große Rolle.

Wann sind Sie fertig und wie geht es danach weiter?

Ich bin im letzten Block der Qualifikation und voraussichtlich im August fertig. Ziel ist, danach als Nachwuchs-Softwareentwicklerin am Mercedes-Benz Digital Factory Campus übernommen zu werden – dem neuen Kompetenzzentrum für Digitalisierung im globalen Mercedes-Benz Produktionsnetzwerk. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen die Rolle des Scrum Masters zu übernehmen, weil ich sehr kommunikativ und gerne im Austausch mit anderen bin.

Was sind die Aufgaben eines Scrum-Masters?

Der Scrum-Master trägt die Verantwortung für den Scrum-Prozess und dessen korrekte Implementierung. Er vermittelt und unterstützt zwischen den verschiedenen Rollen. Mich hat bei MBition eine Scrum-Masterin besonders inspiriert, die sehr viel Wissen zu agilen Methoden hat. Sie zeigte uns, dass es für einen guten Team-Output zunächst darum geht, herauszufinden, was den einzelnen Mitarbeitenden motiviert. Teambuilding hat mich schon immer begeistert und deshalb passt die Rolle als Scrum-Masterin, glaube ich, absolut zu mir!

Ob im Homeoffice oder vor Ort im künftigen Mercedes-Benz Digital Factory Campus – eine gute Zusammenarbeit im Team ist für Sandra Büchler entscheidend für die Freude am Job.

Das bedeutet, dann auch das vertraute Logistik-Team hinter sich zu lassen.

Ja, das fällt mir nach all den Jahren nicht leicht, die Kolleginnen und Kollegen sind mir sehr ans Herz gewachsen. Jetzt gilt es, wieder in eine neue Gruppe hineinzuwachsen. Aber ich kann sagen: Die elf Pioniere im Alter zwischen Anfang Zwanzig und Mitte Vierzig, zu denen ich nun gehöre, sind ganz klasse! Wenn ich mit ihnen später zusammenarbeiten würde, wäre das eine sehr gute Basis, um wieder ein gutes Team zu werden. Und ich werde natürlich auch wieder Teamfahrten organisieren (lacht)!

Könnten Ihre neuen Fähigkeiten auch der Lieferantenlogistik zugutekommen?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich denke schon. Wir wollen ja am Digital Factory Campus Apps innerhalb des digitalen Mercedes-Benz Produktions-Ökosystems MO360 entwickeln, um damit beispielsweise unsere Prozesse zu verbessern. Es gibt schon einige digitale Entwicklungen in der Logistik und Produktion wie zum Beispiel das Shopfloor Board, wo Informationen abteilungsübergreifend ausgetauscht und visualisiert werden. Ich könnte mir vorstellen, dass wir als Software-Entwickler auch für die Logistik künftig eine Hilfe sein können.

Welche Software vermissen Sie in Ihrem Leben und müsste noch entwickelt werden?

Für die Organisation meines Privatlebens bräuchte ich noch etwas, was mein Zeitmanagement erleichtert, um Familie, Job und Qualifikation gut unter einen Hut zu bekommen. Eine Software dafür würde mir gut helfen (lacht).

Ein guter Teamspirit war für Sandra Büchler (38) schon in der Ausbildung zur Industriekauffrau 2003 wichtig, für die ihre Mutter Impulsgeberin war. Deshalb genoss sie die gemeinsamen Gruppen-Fahrten mit den gewerblich-technischen Auszubildenden und engagierte sich auch als Jugend- und Auszubildendenvertreterin. Als die gebürtige Berlinerin vor acht Jahren aufs Land nach Hohen-Neuendorf nordwestlich von Berlin zog, wurde ihr Arbeitsweg ins Mercedes-Benz Werk Berlin lang. Das hybride Arbeiten ist hier ein großer Vorteil für die dreiköpfige Familie, die ein großes Büro schuf, um auch mit vierjährigem Sohn unter einem Dach ungestört arbeiten zu können. Für ihre künftige Stelle als Junior-Software-Entwicklerin wird den Mix aus mobilen Arbeiten und arbeiten vor Ort am Mercedes-Benz Digital Factory Campus nutzen, um das aufzubauen, was ihr am Herzen liegt: ein tolles Team. Und im heimischen Garten findet sie sonntags den perfekten Ausgleich zum Spagat zwischen Job, Familie und Qualifikation.