Mit Big Data zu unendlichen Weiten – und begehrenswerten Fahrzeugen

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Ob Messwerte von der Teststrecke oder Datenströme, die die Fahrzeuge täglich auf der Straße aufnehmen: Dr. Thomas Albin weiß, wie sich mit neuesten Analyse- und Data-Mining-Tools wertvolle Informationen aus komplexen Datenströmen destillieren lassen. Im Team „Data Insights“ unterstützt er unsere Fahrzeugingenieure dabei, das Potenzial riesiger Datenmengen noch besser zu nutzen – und so die Fahrzeuge von Mercedes-Benz noch komfortabler, leistungsfähiger und sicherer zu machen. Wie er von der Weltraum-Forschung zu Mercedes-Benz gefunden hat und was für ihn wirkliche „Rocket-Science“ ist, erzählt uns der promovierte Physiker und Big-Data-Experte im Interview.

Herr Dr. Albin, welche Rolle spielt Data Analytics heute bei der Fahrzeugentwicklung?

Daten waren für die Entwicklungsarbeit in der Automobilbranche schon immer wichtig. Heute stehen uns dank der Digitalisierung allerdings viel mehr Daten zur Verfügung als jemals zuvor, etwa die Informationen, die die Sensoren in den Fahrzeugen bei jeder Fahrt aufnehmen. Darüber hinaus haben wir ganz neue Möglichkeiten, um diese Immensen Datenmengen auszuwerten, beispielsweise mit Hilfe von Data-Mining: der statistischen Analyse und dem Identifizieren interessanter Verbindungen und Trends in großen Datensätzen. Beides zusammen bietet ein riesiges Potenzial. Mit unserem Team „Data Insights“ entwickeln wir für unsere Ingenieurinnen und Ingenieure Werkzeuge, mit denen sie diese Datenmengen noch besser für ihre Entwicklungsarbeit nutzen können. Übrigens können wir uns gerne duzen.

Per Cloud und Dashboard machen Dr. Thomas Albin und sein Team Messdaten einfach für Fahrzeugentwickler zugänglich.

Gerne, Thomas. Wie sieht so ein „Werkzeug“ aus, das Ihr für R&D entwickelt?

Unser aktuelles Projekt ist ein gutes Beispiel dafür: Dabei geht es beispielsweise darum, die Messdaten, die wir bei den Fahrten unserer Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr aufzeichnen, auf einem Dashboard zusammenzuführen. Das sind Millionen ganz unterschiedlicher Messpunkte. Mit dem Dashboard können unsere Entwicklerinnen und Entwickler über eine App und per Cloud frei auf die Daten zugreifen und haben dank Visualisierung alles im Blick. In Zukunft können sie die Daten dann direkt in der Anwendung analysieren. An den Tools dafür arbeiten wir aktuell.

Mit dem Dashboard sind also Daten für die Kolleginnen und Kollegen in der Fahrzeugentwicklung direkt einsehbar …

Ja, das Potenzial, das in Daten steckt, lässt sich nur ausschöpfen, wenn wir sie verfügbar machen. Mit unserer Arbeit wollen wir dazu beitragen, dass unsere verschiedenen Teams ihre Synergien in dem Bereich noch besser nutzen – und ein Bewusstsein schaffen, was mit Hilfe von Data Analytics möglich ist. Lösungen, die für die Kolleginnen und Kollegen aus der Antriebsentwicklung funktionieren, lassen sich gegebenenfalls auch für das Fahrwerk anwenden – und umgekehrt. Das Faszinierende an modernen Datentools ist ja, dass sie sich nahezu in allen Themenfeldern einsetzen lassen.

Von der Skizze zur Daten-App: Im Team „Data Insights“ hat Dr. Thomas Albin viel Freiraum, um modernste Analysetools bei Mercedes-Benz in die Praxis zu bringen.

Wie können wir uns Dein Team „Data Insights“ vorstellen?

Wir sind eine Gruppe aus Programmierern mit ganz verschiedenen Spezialgebieten: von Data Handling über Machine Learning bis zur Cloud Infrastruktur. Unser Team ist noch recht neu und wurde vor einem Jahr aufgebaut. Das bietet uns viel Freiraum. Oft probieren wir neue Arbeitsmethoden aus. Beim Projekt „Data-Dashboard“ haben wir zum Beispiel „Pair-Programming“ getestet. Immer zwei Teammitglieder haben parallel an einem Code gearbeitet. Das ist eine coole Methode, weil sie für richtig viel Teamspirit und gleichzeitig enormen Wissenstransfer sorgt. Und beim Umsetzen neuer Projekte arbeiten wir oft in Sprints und mit agilen Arbeitsmethoden.

Bei Mercedes-Benz bist Du Experte für Maschinelles Lernen. Ursprünglich kommst Du aber aus einer ganz anderen Fachrichtung …

Ja, eigentlich bin ich Astro- und Geophysiker (lacht). Der Weltraum um uns hat mich schon immer begeistert. Das habe ich übrigens von meiner Mutter. Als Kind haben wir manchmal nachts zusammen Planeten- und Sternkonstellationen angeschaut. Deshalb habe ich später Physik studiert und mich in meinem Master auf Astro- und Geophysik spezialisiert. Damals kam ich auch tiefergehend mit Machine Learning und Data-Mining-Tools in Kontakt. Und für meine Promotion am Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart habe ich dann an der Mission Cassini mitgearbeitet ...

… die NASA-Raumsonde, die den Saturn und seine Monde näher untersucht hat?

Genau. Das Großartige für mich war, dass Cassini gestartet ist, als ich noch in der Grundschule war, und ich jetzt, als Doktorand, selbst an der Mission mitarbeiten konnte. Unter anderem hatte Cassini auch europäische Beiträge an Bord, wie beispielsweise den Cosmic Dust Analyzer, der kosmische Staub detektieren konnte. Wir haben sehr große Datenmengen bekommen, die die Sonde über viele Jahre gesammelt hat. Und dank digitalen Technologien hatten wir nun ganz neue Möglichkeiten, diese Daten auszuwerten.

In unserem Team haben wir viel Freiraum. Oft probieren wir neue Arbeitsmethoden aus. Bei unserem aktuellen Projekt testen wir beispielsweise ,Pair-Programming‘.
Data Analytics mit Weitblick: Im Team „Data Insights“ entwickelt Dr. Thomas Albin Applikationen, mit denen das Potenzial großer Datenmengen nutzbar wird.

Und wie kamst Du als Weltraumforscher letztendlich zu Mercedes-Benz?

Das hat mit meiner zweiten Leidenschaft zu tun. Ich habe mich nämlich auch schon immer für Autos und Rennsport interessiert. Wenn ich als Jugendlicher nachts nicht wegen der Sterne aufgestanden bin, dann bestimmt, um die Formel-1-Rennen in Melbourne zu schauen (lacht). Und nach meiner Promotion habe ich eine neue Herausforderung gesucht. Ich hatte Lust auf etwas Technisches, zu dem ich auch eine Affinität habe. So bin ich auf diese Stelle aufmerksam geworden. Viele Daten und schöne Autos, das war einfach die perfekte Kombination.

Was macht Mercedes-Benz heute für Dich als Arbeitgeber aus?

Einerseits die Themenvielfalt: Autonomes Fahren, Batterietechnik, Antriebe . Hier gibt es so viele Anwendungen für Data Analytics. Und natürlich die Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Ich lerne immer Neues dazu. Das macht für mich den Reiz aus. Übrigens finde ich es Wahnsinn, was unsere Kolleginnen und Kollegen in der Entwicklung heute leisten. Es gibt ja den englischen Spruch „it‘s not rocket science“: Aus meiner Erfahrung aus beiden Welten kann ich nur sagen, es müsste eigentlich heißen „it‘s not car science“ (lacht) – moderne Fahrzeuge stehen der modernen Raketentechnik nichts nach.

Noch etwas Persönliches zum Schluss. Wenn Du über einen besonderen Moment in Deinem Leben eine Ansprache halten müsstest, über was würdest Du reden?

Oh, da gibt es einige (lacht), aber was mich sehr fasziniert hat, war die Wanderung mit meiner Freundin auf den Stromboli. Das ist ein aktiver Vulkan im Mittelmeer. Das Besondere ist, dass Wanderer ganz nah an den Ausbruchkrater gelangen und die gewaltigen Ausbrüche und Lavaströme fast hautnah erleben können. Das ist ein großes Naturschauspiel, bei dem wir sehen, wie klein wir Menschen eigentlich sind. Ein wahnsinnig beeindruckendes Erlebnis.

Dr. Thomas Albin (31) ist schon seit seiner Jugend begeistert von Sternen und dem Weltraum. Darum entscheidet er sich zunächst für ein Physikstudium in seiner Heimatstadt Oldenburg. Seine Bachelorarbeit schreibt er später mit dem European Space Research and Technology Center der ESA im niederländischen Noordwijk. Für sein Masterstudium in Astro- und Geophysik wechselt der Physiker an die Universität Göttingen, wo er parallel am Max-Planck-Institut an der Raummission Rosetta arbeitet. Bei seiner Promotion beschäftigt sich Thomas Albin am Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart mit Daten der NASA-Mission Cassini und steigt schließlich 2019 bei Mercedes-Benz ein. Wenn der Machine-Learning-Spezialist heute im Team „Data Insights“ nicht dafür sorgt, dass die Fahrzeugentwicklerinnen und -entwickler auf beste Analyse-Tools zurückgreifen können, liebt er es, mit seiner Partnerin zu spannenden Orten zu reisen: von der Wüstenstadt Petra bis zum 14.000-Kilometer-Road-Trip durch Australien.