Hinter den Kulissen der Factory 56: Innovative Logistikkonzepte für die Mercedes-Benz Hightech Fahrzeug-Fabrik

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Mit der Factory 56 setzt Mercedes-Benz neue Maßstäbe beim Fahrzeugbau. Auf einer Fläche von 23 Fußballfeldern befördern mehr als 400 fahrerlose Transportsysteme entstehende S-Klassen und EQS und die benötigten Fahrzeugteile zu den einzelnen Montagestationen – komplett selbstständig. Modernste digitale Technologie sorgt dabei für höchste Präzision und maximale Effizienz. Als Teammitglied der Projektkoordination für Logistikplanung hat Sven Uffelmann die Entstehung der hochmodernen Produktionsstätte von Anfang an begleitet und mitgestaltet. Gemeinsam mit seinem Kollegen Matthias Geiger und dem Team der strategischen Logistikplanung der Mercedes-Benz AG hat er den Produktionsstart der neuen EQS-Baureihe in der Hightech-Fabrik in Sindelfingen vorbereitet. Was die Logistik der Zukunft ausmacht und wie ihr Werdegang bei Mercedes-Benz die beiden um die halbe Welt geführt hat, erzählen die Logistik-Experten im Doppel-Interview.

Herr Uffelmann und Herr Geiger, warum ist die Factory 56 für Sie so besonders, wenn es um die Logistikplanung geht?

Sven Uffelmann: Das Besondere an unserer neuen Hightech-Fabrik ist die flächendeckende Vernetzung und der ganzheitliche Einsatz von modernen Produktionstechnologien. Das bietet in der Logistik völlig neue Möglichkeiten. Früher haben wir die Bauteile im Wesentlichen mit Gabelstaplern an die Montagebänder gefahren – dort wurde das Fahrzeug dann zusammengebaut. Heute geht es für uns nicht mehr nur um den Transport von A nach B, sondern um das Gesamtkonzept einer Logistikversorgung, welche in den letzten Jahren deutlich von den Anforderungen gestiegen sind.

Matthias Geiger: Ja, Logistik und Montage sind hierbei auch viel enger im Austausch. In der Factory 56 setzen wir auf einen flächendeckenden Einsatz des Warenkorb-Prinzips, womit wir die Montage mit fahrzeugbezogenen Warenkörben automatisch aus unseren Logistik-Zonen beliefern. Mehr als 400 fahrerlose Transportsysteme bringen nicht nur die Fahrzeuge selbst zu den einzelnen Montagestationen, sondern liefern dank einer 360 Grad Vernetzung vollautomatisiert die richtigen Teile – und zwar genau dann, wenn sie benötigt werden. Mit diesem System erreichen wir in der Produktion sowohl eine höhere Effizienz als auch maximale Flexibilität.

"Die Factory 56 hat vier Schlagwörter im Fokus: digital, flexibel, effizient und nachhaltig."

Herr Uffelmann, Sie begleiten die Factory 56 bereits von Anfang an. Was war für Sie und Ihr Team bei der Planung der Logistik wichtig?

Sven Uffelmann: Die Factory 56 hat vier Schlagwörter im Fokus: digital, flexibel, effizient und nachhaltig. Genau diese haben wir auch bei der Logistikplanung umgesetzt. So bringen unsere fahrerlosen Transportsysteme nicht nur Vorteile für unsere Logistikprozesse, sondern reduzieren auch den Staplerverkehr und somit auch Lärmimmission und Unfallgefahren.

Wie können wir uns den Prozess von der ersten Idee bis zum fertigen Fahrzeug vorstellen?

Sven Uffelmann: Zunächst ging es um die Planung der Halle. Dabei haben wir uns eng mit den verschiedenen Gewerken abgestimmt, beispielsweise dazu, wie wir die einzelnen Produktionslinien anordnen. Jeder Bereich, vom Interieur bis hin zum Exterieur, muss seinen optimalen Platz finden. Anschließend ging es in die Bauphase, in der wir als Logistik dann sehr schnell die Transportprozesse und -technologien implementiert haben. Wir hatten einen ehrgeizigen Zeitplan. Vieles musste parallel laufen.

Matthias Geiger: Das war genau die Zeit, als ich zum Team dazu kam. Ich kannte die Factory 56 bereits von Konzepten, Grafiken und Plänen, aus der Zeit als ich meinen ersten Projekteinsatz des Internationalen Talent Programms des Unternehmens in der strategischen Logistikplanung hatte. Danach folgten verschiedene Stationen unter anderem in Japan und im Silicon Valley in den USA. Als ich zurückkam war die Halle bereits mitten im Bau.

"Der Austausch mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen macht unsere Arbeit sehr spannend und abwechslungsreich."

Wie ist es für Sie, an einem Projekt wie Factory 56 mitzuarbeiten?

Matthias Geiger: Bei unserer Hightech-Factory arbeiten wir an vielen Themen, die es zuvor in der Logistik nicht gab. Das ist eine tolle Herausforderung. Und es gibt bei unserer Arbeit viele Freiheiten. Eines meiner Projekte war der Transportprozess der Batterien für den EQS. Zu sehen, wie ein Projekt, das ich von der ersten Idee mitentwickelt habe Realität wird, ist schon cool – und macht uns im Team natürlich auch stolz.

Wie laufen Ihre Arbeitstage ab?

Sven Uffelmann: Das ist ganz unterschiedlich. Vorbereitung und Planung der Factory 56 haben mehrere Jahre gedauert. Dabei ging es erstmal um konzeptionelle Themen, beispielsweise die Planung von Kosten- und Meilensteinen. In der Zeit waren wir oft im Büro oder haben uns mit unseren Partnern und Dienstleistern abgestimmt. Insgesamt arbeiten wir mit einigen Kolleginnen und Kollegen aus ganz unterschiedlichen Gewerken zusammen…

Matthias Geiger: … und wenn dann die Anlaufphase näher rückt, wie in 2020 für die neue S-Klasse oder vergangenes Jahr der EQS, sind wir nahezu durchgehend vor Ort in der Halle. Dann geht es um die Feinabstimmung mit unseren Projektpartnern wie den Bauplanern oder Handwerksbetrieben und unseren Dienstleistern. Der Austausch mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen macht unsere Arbeit sehr spannend und abwechslungsreich. Kein Tag ist wie der andere.

Wie sind Sie beide eigentlich zu Mercedes-Benz gekommen?

Sven Uffelmann: Ich habe schon während meines Studiums ein Praktikum im Bereich Logistik im Mercedes-Benz Werk in Bremen gemacht und später auch meine Abschlussarbeit hier geschrieben. Im Anschluss war ich im Werk Bremen in der Logistikplanung der C-Klasse tätig. 2012 hat mir mein späterer Teamleiter dann von einem Logistikprojekt in China erzählt. Ich habe mich beworben und wenige Monate später war ich als Technischer Planer in Peking tätig. Das war mein Einstieg ins Unternehmen. Nach viereinhalb Jahren in China bin ich 2017 für die Planung der Factory 56 nach Sindelfingen gewechselt.

Herr Geiger, wie war es bei Ihnen?

Matthias Geiger: 2018 habe ich meinen Master in Operations Management an der Universität Reutlingen gemacht. Mein Professor für Lean Management war damals in das Aufsetzen des Mercedes-Benz Produktions-System involviert. In dieser Zeit war ich dann auch als Werkstudent beschäftigt und seitdem hat mich das Unternehmen nicht mehr losgelassen.

Und wie sahen ihre nächsten Stationen aus?

Matthias Geiger: Nach einem sechs monatigen Praktikum bei der damaligen Truck Sparte am Standort in Tokio schrieb ich dann meine Abschlussarbeit bei Mercedes-Benz in Deutschland und startete im Anschluss das internationale Talent Programm. Währenddessen konnte ich weitere spannende Einblicke und Projekterfahrung sammeln. Hier gibt es wirklich viele Möglichkeiten und Themenfelder.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Was darf in Ihrem Traumbüro auf keinen Fall fehlen?

Sven Uffelmann: Ganz klar, meine Kolleginnen und Kollegen. Wir sind ein super Team und haben viel Spaß zusammen. In den vergangenen zwei Jahren haben wir größtenteils im Homeoffice gearbeitet und uns oft nur per Video-Call gesehen – das klappt grundsätzlich sehr gut aber der persönliche Kontakt fehlt teilwiese einfach. Und was auch auf gar keinen Fall fehlen darf, ist eine Kaffeemaschine (lacht). Die ist wichtig.

Matthias Geiger: Ich wünsche mir dazu noch einen Tischkicker. Das habe ich während meiner Station im Silicon Valley beim International Talent-Programm, sehr zu schätzen gelernt (lacht).

Autos mit dem Stern faszinieren Sven Uffelmann (45) bereits seit seiner Kindheit. Der gebürtige Hanseat wuchs mit seinen Eltern ganz in der Nähe des Mercedes-Benz Werks Bremen auf. Schon als kleinen Jungen zieht es ihn mit seinen Freunden an den Werkszaun, um die neuesten Mercedes-Benz Modelle dabei zu beobachten, wie sie auf der nahegelegenen Einfahrbahn ihre Runden fuhren. Wenn er heute als Logistikexperte nicht gerade dafür sorgt, dass bei der neuen Hightech-Fabrik in Sindelfingen alles reibungslos und bestens getaktet läuft, bringt er sportlich volle Power – ob beim Fußball, auf dem Tennisplatz oder beim Radfahren.
Eingestiegen als Werkstudent, Praktikum in Japan, Abschlussarbeit über ein innovatives Geschäftsmodell bis hin zum Internationalen Talent Programm der Mercedes-Benz Group mit Stationen wie im Silicon Valley: Wenn Matthias Geiger (28) von seinem beruflichen Weg erzählt, spürt man seine Begeisterung für Themen rund um die Mobilität. Seine taktischen Fähigkeiten bringt der Logistikspezialist nicht nur weiterhin dabei ein, dass die Produktionsprozesse in der Factory 56 im Einklang mit der Logistik sind, sondern auch beim Teamsport – am liebsten auf dem Fußballplatz.

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