Chancen und Risiken gerechter verteilen.

Mercedes-Benz bekennt sich dazu, Menschenrechte zu achten und zu wahren – in den eigenen Konzerngesellschaften und bei Lieferanten entlang der Wertschöpfungskette. Wie weit reicht dieser Anspruch angesichts von komplexen automobilen Wertschöpfungsketten? Und wie können aus diesem Engagement nachhaltige soziale Verbesserungen erwachsen? Ein Gespräch mit Marc-André Bürgel, Head of Social Compliance Program, und Elisabeth Viebig, Leiterin Corporate Citizenship & Memberships.

Herr Bürgel, bitte blicken Sie doch einmal aus Ihrer Position heraus an den Anfang der Lieferkette, wo oftmals ein hohes Risiko besteht, dass Menschen- und Arbeitsrechte verletzt werden. In welcher Hinsicht kann und muss Mercedes-Benz sicherstellen, dass es dazu nicht kommt?

Marc-André Bürgel: Es ist tatsächlich so, dass menschenrechtliche Risiken häufig dort am größten sind, wo unser Einfluss am geringsten ist, nämlich in den Minen und Abbaugebieten am Anfang der Lieferketten. Hier fehlt uns der direkte Durchgriff, weil wir Rohstoffe für gewöhnlich nicht selbst beziehen. Dennoch setzen wir uns intensiv dafür ein, bis dorthin positiven Einfluss zu nehmen. Zum Beispiel, indem wir unseren direkten Lieferanten die Vorgabe machen, unsere Responsible Sourcing Standards zu berücksichtigen und unsere Anforderungen zum Schutz der Menschenrechte an ihre Lieferanten weiterzugeben. Aber auch, indem unser Einkauf ambitionierte Bergbaustandards zur Vergabevoraussetzung macht. Zudem verschaffen wir uns risikobasiert selbst einen Eindruck von der Lage in den Abbaugebieten. 2022 waren Kolleginnen und Kollegen beispielsweise in der Demokratischen Republik Kongo, um sich Kobaltminen anzusehen. Gleichzeitig können wir auch aus Deutschland heraus einiges bewirken, indem wir entsprechende Prozesse und Maßnahmen zur Umsetzung menschenrechtlicher Sorgfalt entwickeln und umsetzen. Wir haben damit frühzeitig und aus eigenem Antrieb begonnen. Zugleich ist kein Unternehmen jemals „ganz fertig“ mit menschenrechtlichen Sorgfaltspflichtenprozessen. Auch wir entwickeln unsere Aktivitäten kontinuierlich weiter. Wenn wir über die gesamte Lieferkette sprechen, werden auch bei großem Bemühen und systematischem Lieferkettenmanagement immer Restrisiken bleiben. Am meisten erreichen wir, wenn wir versuchen, gemeinsam mit Lieferanten und Partnern die Situation für die Menschen zu verbessern.

Frau Viebig, wie ist Ihre Perspektive? Welche Verantwortung hat Mercedes-Benz, wenn es darum geht, die Menschenrechte zu wahren, aber auch im Sinne der globalen Entwicklungsziele Chancengleichheit in puncto Wohlstand, Bildung und Teilhabe zu fördern?

Elisabeth Viebig: Ich beantworte diese Frage bewusst im Rahmen unserer gesellschaftlichen Verantwortung, und nicht aus der unternehmerischen Perspektive, denn auch dort zahlen wir als Arbeitgeber und verantwortungsvoller Geschäftspartner auf soziale Nachhaltigkeitsziele ein. Im Bereich Corporate Citizenship arbeiten wir themenbasiert und flankierend zum Kerngeschäft daran, Nachhaltigkeitsmaßnahmen des Konzerns zu ergänzen, und gleichzeitig proaktiv einen Mehrwert für die Gesellschaft zu erzielen. Neben dem nachhaltigen Umweltschutz und der Katastrophenhilfe und -vorsorge zielt unser Engagement auch darauf ab, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Dazu zählen Aktivitäten in den Bereichen Menschenrechte, Bildungsgerechtigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und Diversität. Wir haben den Anspruch, zu jedem dieser Themen durch freiwilliges Engagement einen validen Beitrag zu leisten.

Wie kommen Sie diesem Anspruch nach?

Elisabeth Viebig: Unsere Arbeit ist sehr vielfältig. Wir unterstützen beispielweise ein neues Förderprogramm mit dem Namen „beVisioneers: The Mercedes Benz Fellowship“ mit Spenden. Das ist eine globale Initiative der gemeinnützigen „The Do School Fellowships gGmbH“. Ziel ist es junge Menschen dazu zu ermutigen und zu befähigen, konkrete Projekte im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit voranzutreiben. Das Geld für das Programm stammt aus der Versteigerung des Mercedes-Benz 300 SLR Uhlenhaut Coupés, einem Sammlerstück aus der Mercedes-Benz Classic Collection. Ein weiteres langfristig ausgerichtetes Engagement ist die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen vor Ort wie Bon Pasteur oder Terre des Hommes. Mit diesen NGOs führen wir Projekte durch, um systemische Menschenrechtsverletzungen am Anfang der Lieferkette zu adressieren. Vereinfacht gesagt, reicht es nicht aus, Kinderarbeit zu ahnden, wir müssen die Ursachen adressieren, also Armut und soziale Zersplitterung. Und wir müssen alternative Lebensgrundlagen schaffen. Im Kongo beispielsweise hat die lokale Gemeinschaft durch jahrelangen Krieg das Wissen verloren, wie man Landwirtschaft betreibt. Dieses Wissen muss erneut aufgebaut werden. Viele Minenarbeiter wissen auch gar nicht, dass sie nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte haben, zum Beispiel das Recht auf Bildung.

Marc-André Bürgel: Es ist wichtig zu verstehen, dass die sozialen und ökologischen Risiken je nach Rohstoff und Herkunftsland sehr unterschiedlich sind. Der Kobaltabbau im Kongo ist mit anderen menschenrechtlichen Risiken verbunden als die Gewinnung von Lithium in der Atacama-Wüste und auch die Lieferketten sehen anders aus. Transparenz ist hier ein erster wichtiger Schritt, aber sie ist kein Selbstzweck. Wir brauchen sie, um die größten Risiken entlang unserer Wertschöpfungskette zu identifizieren und mithilfe geeigneter Maßnahmen zu verringern. Im Rohstoff-Assessment haben wir dazu 24 potenziell kritische Rohstoffe identifiziert, für die wir jeweils rohstoffspezifische Maßnahmen ableiten und umsetzen. Wir berichten darüber in unserem Rohstoffbericht, den wir 2022 erstmalig veröffentlicht haben. Zur Transparenz gehört für uns übrigens auch, offen zu sagen, wo wir noch nicht so weit sind, wie wir es mittel- oder langfristig sein wollen. Wir hoffen, dass wir gerade bei den systemischen Herausforderungen in manchen Regionen in Zukunft auch durch branchenweite Lösungen noch mehr erreichen können.

Menschenrechtsexperten bemängeln, dass den eigentlichen Betroffenen zu wenig Gehör geschenkt wird. Wie sehen Sie das? Was tut Mercedes-Benz, um den Austausch zu suchen?

Marc-André Bürgel: Aus meiner Sicht ist es grundlegend wichtig, nicht nur über die Betroffenen zu sprechen, sondern mit ihnen. Da können wir sicher noch besser werden. Wir tun aber auch schon einiges. Zum Beispiel haben wir im letzten Jahr zum 15. Mal den Sustainability Dialogue durchgeführt, und dabei mit externen Menschenrechtsexperten und Nichtregierungsorganisationen in einer separaten Arbeitsgruppe diskutiert, wie wir unsere Maßnahmen zum Schutz von Menschenrechten weiterentwickeln. Dabei ging es unter anderem darum, Betroffene noch stärker in den Dialog einzubeziehen. Wir haben eine neue Kerngruppe externer Stakeholder ins Leben gerufen, mit der wir uns austauschen. Und auch in unseren Lieferketten suchen wir den Kontakt mit den Betroffenen. Wir haben zum Beispiel gemeinsam mit der Initiative for Responsible Mining Assurance (IRMA) einen Ansatz vorangetrieben, um innerhalb von Audits bessere Beteiligungsmöglichkeiten für die vom Bergbau betroffene lokale Bevölkerung zu schaffen.

Abschließend eine Frage an Sie beide. Bis 2030 will Mercedes-Benz, wo immer es die Marktbedingungen erlauben, vollelektrisch unterwegs sein. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung bilanzielle Klimaneutralität. Was wäre analog dazu ein ambitioniertes soziales Nachhaltigkeitsziel?

Elisabeth Viebig: Ambitioniert fände ich es, die Ressourcen, die für das Corporate-Citizenship-Engagement zur Verfügung stehen, an finanzielle Kennzahlen zu koppeln, so dass zum Beispiel jährlich ein bestimmter Prozentsatz des Konzerngewinns in gesellschaftliche Projekte fließt. Für mich müsste das allerdings einhergehen mit einer konsequenten Wirkungsmessung und einem Reporting unserer freiwilligen Aktivitäten, damit eindeutig erkennbar wird, wie unsere Arbeit auf die soziale Nachhaltigkeit einzahlt.

Marc-André Bürgel: Das ist auch für mich ein wichtiger Aspekt. Wir müssen möglichst konkret aufzeigen, was unsere Aktivitäten zur Stärkung der Menschen- und Arbeitsrechte bewirken. Mein Ziel wäre außerdem, dass wir unseren „Social Footprint“ noch transparenter machen. Langfristig würde ich mir wünschen, dass alle an der Entstehung eines Fahrzeugs Mitwirkenden – von der Mine bis zum fertigen Mercedes – einen fairen Anteil an der geschaffenen Wertschöpfung erhalten. Jede und jeder sollte stolz darauf sein, zur Entstehung dieser hochwertigen Fahrzeuge beigetragen zu haben und gut von der Arbeit dafür leben können.

Frau Viebig, Herr Bürgel, vielen Dank für das Gespräch!

Marc-André Bürgel leitet die 2019 gegründete Abteilung für Social Compliance und ist seit dem 1. Januar 2023 stellvertretender Menschenrechtsbeauftragter der Mercedes-Benz Group. Das Thema Menschenrechte beschäftigt ihn schon seit vielen Jahren. Als junger Erwachsener konnte er in einem Township in Südafrika erleben, wie wichtig soziale Gerechtigkeit ist. Heute arbeitet er mit seinem Team bei Mercedes-Benz daran, die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte in konzernspezifische Strategien und Prozesse zu übersetzen und weltweit zur Geltung zu bringen.
Elisabeth Viebig ist Leiterin des Teams Corporate Citizenship & Memberships bei der Mercedes-Benz Group. Der Name des Bereichs spiegelt die Vielfältigkeit wider, die die Diplom-Pädagogin an ihrer Tätigkeit so schätzt. Langfristige Fördervorhaben werden gemeinsam mit dem Projektpartner entwickelt und mit messbaren Zielen hinterlegt. Da nicht jeder Weg sofort zum Ziel führt, ist ein regelmäßiger Austausch essenziell.