Renata Jungo Brüngger.
Interview mit Renata Jungo Brüngger

„Nachhaltigkeit geht weit über reinen Klimaschutz hinaus“.

31. Januar 2024 – Erstklassige Produkte, zukunftssichere Jobs, angemessene Renditen, Antworten auf den Klimawandel und soziales Engagement: Kundinnen und Kunden, Mitarbeitende, Aktionärinnen und Aktionäre sowie politische und gesellschaftliche Akteure stellen vielfältige Ansprüche an Mercedes-Benz. Sie zu erfüllen gelingt am besten, wenn sich das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich und dauerhaft nachhaltig aufstellt. Vorstandsmitglied Renata Jungo Brüngger ist verantwortlich für das Ressort Integrität, Governance & Nachhaltigkeit der Mercedes-Benz Group. Damit koordiniert sie das ressortübergreifende Nachhaltigkeitsmanagement des Unternehmens. Im Interview gewährt sie Einblicke in ihre Aufgabenbereiche.

Nachhaltigkeit wird zunehmend zum Erfolgsfaktor. Welche Rolle nimmt das Thema bei Mercedes ein?

Renata Jungo Brüngger: Ich bin überzeugt: Nur wer auf Dauer nachhaltig wirtschaftet, wird langfristig erfolgreich bleiben. Kern unseres Geschäfts sind und bleiben überzeugende Produkte: Wir bei Mercedes-Benz wollen die begehrenswertesten Autos der Welt bauen. Nachhaltigkeit spielt dabei eine zentrale Rolle.

Die meisten denken dabei wahrscheinlich zunächst an Klima- und Umweltaspekte. Mit unserer „Ambition 2039“, einem Kernelement unserer nachhaltigen Geschäftsstrategie, haben wir das im Blick: Wir wollen ab 2039 eine bilanziell CO₂-neutrale Neuwagenflotte über den gesamten Lebenszyklus auf den Weg bringen.

Dabei betrachten wir immer die gesamte Wertschöpfungskette: von der Entwicklung über das Lieferantennetz, die eigene Produktion, die Elektrifizierung von Produkten bis hin zu erneuerbaren Energien in der Nutzungsphase von Elektrofahrzeugen und dem Recycling der Fahrzeuge. Bereits seit 2022 sind unsere eigenen Produktionsstandorte bilanziell CO₂-neutral, bis 2030 streben wir an, mehr als 70 Prozent ihres Energiebedarfs durch erneuerbare Energien zu decken.

Nachhaltigkeit geht jedoch weit über Klimaschutz hinaus, denn ökonomische, ökologische und soziale Verantwortung gehören zusammen. Deshalb denken wir das Thema bereits seit vielen Jahren ganzheitlich.

Welche Schwerpunkte setzen Sie hinsichtlich einer nachhaltigen Lieferkette?

Renata Jungo Brüngger: Unsere „Ambition 2039“ betrifft auch unsere Lieferanten. Zusammen mit unseren Partnerinnen und Partnern entlang der gesamten Lieferkette wollen wir wirksame Klimaschutzmaßnahmen umsetzen. 84% unserer Lieferanten gemessen am jährlichen Einkaufsvolumen haben bereits zugesichert, die Mercedes-Benz Werke spätestens ab 2039 mit bilanziell CO₂-neutralen Produktionsmaterialen zu beliefern.

Gleichzeitig dürfen wir beim globalen Kampf gegen den Klimawandel keine Probleme in andere Teile der Welt verlagern. Deswegen müssen wir nicht nur die Klimabilanz im Blick behalten, sondern insbesondere auch die Achtung von Menschenrechten in den Lieferketten – quasi von der Mine bis zum Produkt. Unser Ziel ist klar: Wir wollen nur Produkte anbieten, die ohne Menschenrechtsverletzungen produziert wurden. Dabei hilft uns die richtige Governance, etwa in Form unseres 'Human Rights Respect Systems'.

Vorstandsmitglied Renata Jungo Brüngger, verantwortlich für das Ressort Integrität, Governance & Nachhaltigkeit.
Vorstandsmitglied Renata Jungo Brüngger, verantwortlich für das Ressort Integrität, Governance & Nachhaltigkeit.

Was sind in diesem sensiblen Themaumfeld die größten Herausforderungen?

Renata Jungo Brüngger: Viele unterschätzen die Komplexität unserer Lieferketten: Wir haben mehrere Zehntausend direkte Lieferanten und noch viel mehr Sublieferanten. Manchmal besteht eine Lieferkette aus bis zu sieben oder acht Unterstufen. Auf einer Stufe kann es wiederum bis zu 20 Unterlieferanten geben. Deswegen gehen wir strategisch und risikobasiert vor, um größtmögliche Transparenz über die vorgelagerten Wertschöpfungsstufen zu schaffen: Zunächst haben wir für uns 24 besonders risikobehaftete Rohstoffe und Materialien in unseren Produkten identifiziert – darunter Kobalt, Lithium, Graphit und Nickel. So können wir zielgerichtete Maßnahmen definieren und schließlich umsetzen.

In Rohstofflieferketten mit einem hohen Risiko für Menschenrechtsverletzungen schauen wir ganz genau hin, beispielsweise in Form von Audits. Die Ergebnisse der Analysen sowie die daraus resultierenden Maßnahmen veröffentlichen wir in unserem Rohstoffbericht. Und wir setzen uns für industrieweite Standards ein, um eine größere Wirkung zu erzielen. Darüber hinaus beteiligen wir uns an sozialen Projekten vor Ort, um die Lebensbedingungen oder das Bildungswesen zu verbessern. Wir gehen das Thema also auf verschiedenen Ebenen an, was Geduld und Ausdauer fordert. Letztlich sorgt es aber für Verbesserungen bei den Menschen vor Ort. Und genau das ist unser Anspruch.

Neben der Elektrifizierung spielt Künstliche Intelligenz (KI) eine bedeutende Rolle für die Mobilität der Zukunft. Wie kann ein verantwortungsvoller Umgang mit solchen Technologien gelingen?

Renata Jungo Brüngger: Von der Produktion bis zum Produkt, vom Vertrieb bis zu den Governance-Funktionen wie Legal, Compliance und Audit: In der Automobilindustrie kommt Künstliche Intelligenz in den unterschiedlichsten Bereichen zum Einsatz. Die Frage ist also nicht, ob sie genutzt wird – sondern wie. Deshalb hat Mercedes-Benz bereits 2019 Prinzipien zur Entwicklung und Nutzung von KI festgelegt. So wollen wir zum einen das Vertrauen in unser Unternehmen, unsere Produkte und Dienstleistungen stärken und zum anderen allen Kolleginnen und Kollegen Orientierung für den Umgang mit KI geben.

Bereits heute gehen wir Entwicklungsprojekte in crossfunktionalen, interdisziplinären Teams an. Heißt: Expertinnen und Experten aus den Bereichen Rechtswissenschaften, Ethik und Compliance arbeiten eng und vor Ort mit unseren Software-Ingenieurinnen und Ingenieuren zusammen. Doch die Produkte, die wir heute entwickeln, kommen erst in ein paar Jahren auf den Markt. Wir wissen jedoch nicht, wie die Regulierung mit Blick auf KI bis dahin genau aussieht. Kurzum: Innovation ist oft schneller als Gesetzgebung. Dem versuchen wir unter dem Stichwort „adaptive Compliance“ vorzubeugen: Wir diskutieren mit den Beteiligten, welche Risiken sie sehen und versuchen gleichzeitig, künftige regulatorische Entwicklungen und gesellschaftliche Erwartungen von Anfang an im Blick zu haben. Auch das ist ein Aspekt von Nachhaltigkeit.

Wie engagiert sich Mercedes-Benz über die Unternehmensgrenzen hinaus für Nachhaltigkeit und Klimaschutz?

Renata Jungo Brüngger: Als globaler Akteur und Luxusmarke endet unsere Verantwortung nicht an unseren eigenen Werkstoren. Wir wollen einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten, der über unsere eigene weltweite Geschäftstätigkeit hinausgeht. Dabei setzen wir zwei Schwerpunkte: Wir unterstützen Projekte, die sich für ökologische Nachhaltigkeit einsetzen, und fördern Initiativen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.

Ein Projekt, das mir persönlich besonders am Herzen liegt, ist das globale Förderprogramm „beVisioneers: The Mercedes-Benz Fellowship“. Wir sind sehr stolz darauf, diese einzigartige Initiative mit Spenden zu finanzieren und so eine neue, vielfältige Generation von Innovatorinnen und Innovatoren zu stärken. Das Startkapital kommt aus Erlösen aus der Versteigerung eines 300 SLR Uhlenhaut Coupé. Durchgeführt von einer unabhängigen, gemeinnützigen Organisation, unterstützt beVisioneers seit 2023 junge Menschen durch Wissen, Coaching und Stipendien bei innovativen Projekten in den Bereichen Umweltschutz und Dekarbonisierung. Das Programm reflektiert wesentliche Elemente unserer Corporate-Citizenship-Strategie, indem es ökologische Nachhaltigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Bildung fördert.