Innovationen spielten im Luxussegment schon immer eine entscheidende Rolle.

11. März 2022 - Mit dem Launch der vollelektrischen Luxuslimousine EQS und weiterer Elektromodelle hat die Transformation bei Mercedes-Benz 2021 spürbar Fahrt aufgenommen. Luxus und Nachhaltigkeit – eine Kombination, die gut zusammenpasst? Definitiv, meinen Christopher Gerdes und Guido Görtler aus dem Strategieteam von Mercedes-Benz.

2021 hat Ola Källenius einen strategischen Schwenk verkündet, von „Electric first“ zu „Electric only“. Warum?

Guido Görtler: Dahinter steht ein Entwicklungsprozess. Wir beschäftigen uns bereits seit Jahren sowohl mit dem elektrischen Antrieb als auch mit der Produktion von Elektrobatterien. 2014 haben wir mit der B-Klasse den ersten vollelektrischen Mercedes-Benz auf die Straße gebracht. Heute sind wir mit Elektrofahrzeugen in unterschiedlichen Segmenten auf dem Markt vertreten, die wir permanent weiterentwickeln. Ein Höhepunkt war der erfolgreiche Launch unserer neuen Mercedes-Benz EQ-Modelle im vergangenen Jahr. Denn hinter so einer Markteinführung steckt ein komplexes Zusammenspiel von Planung, Design, Entwicklungsarbeit und Produktion bis zu den Vorbereitungen unserer Showrooms. Neu ist vor allem die konsequente Entscheidung, unsere Ressourcen komplett auf Elektromobilität zu fokussieren. Mit dieser klaren Linie arbeiten wir daran, insbesondere im Bereich Fahrzeugarchitektur und Antriebstechnologie das volle Potenzial auszuschöpfen. Die begeisterte Resonanz unserer Kunden auf den EQS zeigt, dass sich dieser strategische Schritt auszahlt. Diese Luxuslimousine wird übrigens auf einer speziell für Elektrofahrzeuge geschaffenen Plattform gebaut.

Hat das gute Feedback am Markt den Anstoß dafür gegeben, die Antriebswende noch schneller und konsequenter anzugehen?

Christopher Gerdes: Das hat sicher dazu beigetragen. Aber letztlich sind es verschiedene Aspekte, die diese Entwicklung beschleunigt haben. Zentral sind Fortschritte bei der Technologie. Auch die sichtbar wachsende Nachfrage unserer Kunden nach emissionsfreien Fahrzeugen im Luxussegment hat sich auf das Tempo der Antriebswende ausgewirkt. Ein wichtiger Treiber sind hier natürlich auch die gesetzlichen Vorgaben, inklusive der Diskussionen über Fahrverbote von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Und nicht zu vergessen, der Abwärtstrend bei den Batteriekosten. Alle diese Entwicklungen zeigen sich auch am Kapitalmarkt. Unter den Top-25 OEMs machen Unternehmen, die nur auf Elektrofahrzeuge setzen, deutlich über ein Drittel der Marktkapitalisierung aus. Investoren befürworten den Wandel nicht nur, sie belohnen und fördern ihn.

Elektro-Affinität im Luxussegment

Guido Görtler: Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen steigt insbesondere im Luxussegment. Wir stellen fest, dass unsere Kunden eine hohe Affinität für innovative Antriebe haben und bereit sind, den Wandel zur Elektromobilität aktiv mitzugehen. Einstiegsbarrieren liegen bei diese Kundengruppe meist niedriger – auch weil sie häufiger in die eigene Ladeinfrastruktur investiert oder über den Zweitwagen Spaß an Elektromobilität entwickelt.

Apropos, Luxus. Ist ein Luxusfahrzeug heute noch dasselbe wie vor fünf Jahren?

Guido Görtler: Auch das Luxusempfinden unterliegt einem steten Wandel und gerade Innovationen spielen dabei eine bedeutende Rolle. Im Zuge der Mobilitätswende wird ein progressiver Antrieb, aber auch wiederverwertete Materialien und durch Technologie ermöglichte Sicherheit stärker honoriert, und von einigen unserer Kunden sogar explizit gefordert. Ein nachhaltiger Elektroantrieb lässt sich hervorragend in ein Luxusfahrzeug integrieren und unterstreicht den Premiumanspruch. Diesen Hebel wollen wir nutzen, um gemeinsam mit unseren Kunden die Transformation zu beschleunigen.

Wie schnell wird Mercedes-Benz einen Platz unter den Top platzierten Elektrofahrzeug-Herstellern ergattern?

Guido Görtler: Mit „Electric only“ haben wir dafür einen klaren Plan definiert. 2022 werden wir in jedem Segment ein vollelektrisches Fahrzeug im Angebot haben. Unser Ziel ist es, dass es bis 2025 für jedes Modell eine elektrische Ausführung gibt. Das ist auch der Zeitpunkt, ab dem alle neuen Fahrzeugarchitekturen rein elektrisch sein werden. Durch die großen Wahlmöglichkeiten gehen wir davon aus, den aktuellen Absatztrend zu verstärken. Im Jahr 2021 haben wir über 150 Prozent mehr vollelektrische Mercedes-Benz Pkw verkauft als im Vorjahr. Das ist ein steiler Hochlauf!

Kompetenz für den Technologiewandel ausbauen

Was sind die größten Herausforderungen auf diesem Weg?

Christopher Gerdes: Wir waren Jahrzehnte lang sehr erfolgreich mit unseren Verbrennerfahrzeugen. Dass wir uns davon verabschieden, ist ein Schritt, der unser gesamtes Unternehmen und jede einzelne Mitarbeiterin und jeden einzelnen Mitarbeiter betrifft. Wir müssen ihn gemeinsam gehen. Mit einer strategischen Neuausrichtung und Planung haben wir die Weichen für den Wandel gestellt. Nun geht es darum, die Fähigkeiten und Fertigkeiten unserer Organisation weiterzuentwickeln – und zwar in jeder einzelnen Phase der Wertschöpfung. Gerade in den Technologie- und Entwicklungsbereichen werden wir auch in Zukunft attraktive Arbeitsplätze bieten. Dazu bauen wir unter anderem in unserem Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim ein Kompetenzzentrum für Elektromobilität auf – mit einem Fokus auf Batterie- und Batteriezelltechnologien.

Guido Görtler: Mit Blick auf die Beschäftigten stellen wir eine umfassende Qualifizierung für die neuen Aufgaben sicher und rekrutieren gleichzeitig neue Talente und Experten – zum Beispiel in der Batterieentwicklung, aber auch in den Bereichen Software und Chip-Technologie. Das gelingt uns, indem wir unsere nachhaltige Geschäftsstrategie konsequent umsetzen und neue attraktive Betätigungsfelder schaffen.

Christopher Gerdes: Ganz zentral geht es darum, Akzeptanz und Vertrauen der Kunden in neue Technologien aufzubauen. Zu vermitteln, dass wir eine exzellente, ausgereifte Technik verbauen. Eine, die umweltverträglich ist, aber auch zukunftssicher und komfortabel im Alltag. Hier spielt auch der Ausbau der Ladeinfrastruktur eine Rolle. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um einen zügigen Markthochlauf zu schaffen. Das heißt, Energiewirtschaft, Politik und auch Kommunen, die oftmals die Flächen bereitstellen, müssen hier an einem Strang ziehen. Denn es ist nicht allein damit getan, die Ladesäulen aufzubauen. Damit wir zukünftig wirklich nachhaltig auf den Straßen unterwegs sind, brauchen wir Strom aus erneuerbaren Energiequellen und ein intelligentes Stromnetz, an das die Ladepunkte angeschlossen werden.

Leistungsstarke Batteriespeicher im Fokus

Wie sieht es langfristig beim Thema Batterie aus?

Christopher Gerdes: Wir brauchen Klarheit darüber, woher wir die großen Mengen an grünem Strom beziehen, die wir für die Energie- und Mobilitätswende benötigen. Als Hersteller müssen wir auch Antworten auf den wachsenden Bedarf an Elektrobatterien, entsprechenden Rohstoffen und deren Verwertung am Ende des Lebenszyklus geben. Unser Ziel ist hier die Circular Economy, denn der Bedarf an Energiespeichern ist gewaltig, nicht nur in unserem Segment. Daraus resultieren technologische Fragestellungen, zum Beispiel nach einer größeren Energiedichte, an denen unsere Entwicklungsingenieure bereits mit Hochdruck arbeiten. Zudem sollen Batterien künftig mit weniger kritischen Materialien hergestellt werden. Unser Ziel ist es menschenwürdige Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette sicherzustellen und Umweltrisiken zu vermeiden. Auch die Herkunft der Rohstoffe soll transparenter werden. Und nicht zuletzt müssen wir als Unternehmen genau schauen, wie wir investieren, also Rohstoffquellen erschließen, Fabriken weiterentwickeln und nachhaltige Energie einkaufen und sogar selbst produzieren. All das fordert unsere Mittel und das spiegelt sich natürlich erst einmal im Preis der Fahrzeuge wider. Deshalb müssen wir verhindern, dass Mobilität zu einem Luxusgut wird, das sich manche Bevölkerungsgruppen nicht mehr leisten können.

Worin genau sehen Sie dabei die Verantwortung von Mercedes-Benz?

Christopher Gerdes: Wir sind maßgeblich verantwortlich nachhaltige Mobilität zu gestalten, im Luxussegment und darüber hinaus. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir mit unserer aktuellen Strategie diesem Anspruch gerecht werden. Mercedes-Benz hat dazu in der Vergangenheit schon einiges beigetragen. Wir haben Mobilitätskonzepte entwickelt, getestet und umgesetzt – zum Beispiel Carsharing, den vollelektrischen smart EQ oder elektrische Lieferwagen. Nun geht es darum, unser gesamtes Produktportfolio konsequent zu elektrifizieren.

Guido Görtler: Als Luxushersteller sehen wir uns auch in der Verantwortung, aktiv am öffentlichen Diskurs über die Zukunft der Mobilität teilzunehmen. Unser CEO hat sich auf der UN-Klimakonferenz im November 2021 zusammen mit fünf anderen Unternehmensvertretern, über 30 Staaten sowie einigen Städten und Investoren zum Ende des Verbrennungsmotors bekannt. Als Hersteller haben wir uns bei Mercedes-Benz bereits 2019 mit unserer Ambition 2039 deutlich ehrgeizigere Ziele gesetzt, die wir inzwischen sogar noch einmal verschärft haben: Wir wollen bis Ende der Dekade überall dort, wo die Marktbedingungen es erlauben, vollständig auf Elektroautos umstellen. Dieser strategische Schritt „Electric first“ zu „Electric only“ beschleunigt nicht nur die Transformation – er verdeutlicht auch unseren Anspruch: Vorreiter sein und immer wieder Standards setzen, die flächendeckend Innovationen fördern und zugleich technologischen Fortschritt ermöglichen.

Verantwortung für den Antriebswechsel

Allerdings wird es in den kommenden Jahrzehnten weiterhin einen weltweiten Bestand an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor geben.…

Christopher Gerdes: Natürlich hat jedes Fahrzeug eine gewisse Lebensdauer. Und auch wir haben Kunden, die sich sehr bewusst Gedanken dazu machen, wann der Kauf eines neuen Autos für sie sinnvoll ist. Diejenigen, die sich den Wechsel grundsätzlich leisten können, lassen sich vielleicht mit niedrigeren Betriebskosten von E-Fahrzeugen überzeugen. Diese liegen gegenüber vergleichbaren Verbrennern immerhin rund ein Drittel niedriger. Zudem ist davon auszugehen, dass emissionsfreie Fahrzeuge im öffentlichen Raum perspektivisch noch privilegierter behandelt werden, sei es durch den freien Zugang in innerstädtischen Umweltzonen oder zu sehr zentral gelegenen Parkflächen.

Guido Görtler: Beim Umstieg sehe ich auch die Verbraucher mit in der Verantwortung. Emissionsfreies Fahren ist eine wichtige Säule im Kampf gegen den Klimawandel. Und der wiederum ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Wir reden hier von Veränderungen, die jeder Einzelne mitgestalten kann und auch muss. Ansonsten funktioniert das nicht. Als Unternehmen haben wir die Verantwortung, Fahrzeuge zu entwickeln, die über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg das Kriterium der Klimaneutralität erfüllen. Das tun wir, indem wir unsere nachhaltige Geschäftsstrategie umsetzen und „Electric only“ auf die Straße bringen.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass es uns als Gesellschaft gelingt, die Mobilitätswende auch wirklich zügig und konsequent umzusetzen?

Guido Görtler: Mehr als zuversichtlich. Aus meiner Sicht ist die Elektromobilität eine überragende Technologie. Ein CO₂-neutraler, effizienter Antrieb, beeindruckende Performance bei gleichzeitiger Ruhe und mehr Freiraum im Fahrzeug erhöhen nicht nur den Komfort, sondern auch den Fahrspaß. Und genau darum geht’s doch: Begehrlichkeiten wecken, einen Mehrwert schaffen und dadurch Elektromobilität schnell zu ihrem Durchbruch als Standardantrieb verhelfen.

Christopher Gerdes: Es gibt keine Alternative zur Klimaneutralität. Folglich sind wir auch alle gewillt, den anstrengenden Weg der Transformation zu gehen. Wenn in dieser Hinsicht Gesellschaft, Politik und Unternehmen an einem Strang ziehen, können wir sehr viel erreichen.

Guido Görtler, Leiter Mercedes-Benz Strategy Execution, ist seit 2003 in verschiedenen Positionen bei der Mercedes-Benz Group AG tätig. Er trat seine derzeitige Position im August 2020 an und ist für die Steuerung der Umsetzung der Mercedes-Benz Strategie verantwortlich. Er hat ein Diplom in Betriebswirtschaftslehre von der Verwaltungs- & Wirtschaftsakademie, Stuttgart im Rahmen des Coorporate-Studiengangs bei der damaligen Daimler AG.

Christopher Gerdes ist Leiter der Abteilung Strategy Development & Intelligence bei Mercedes-Benz Cars. Hier verantwortet er die Trendbeobachtung im Geschäftsumfeld, sowie den Strategieprozess. Seit 2009 war er in verschiedenen Positionen bei Mercedes-Benz Cars und Vans in den Bereichen Produktstrategie, Finance & Controlling, Performancesteuerung und Geschäftsfeldstrategie tätig, bis er im Februar 2021 seine aktuelle Stelle antrat. Christopher Gerdes studierte Politik und Management an der Universität Konstanz, sowie in Istanbul und Shanghai.

Diesen und weitere Artikel finden Sie auch in unserem Nachhaltigkeitsbericht 2021 .