„Wir haben schon viel mehr erreicht, als anfangs denkbar war“

Die Veröffentlichung des ersten Teils des sechsten IPCC-Berichts hat 2021 mit harten Fakten zum Status quo des Klimawandels und möglichen Folgeszenarien klargemacht: Es ist nicht kurz vor, sondern bereits fünf nach zwölf. Gesellschaft, Wirtschaft und Politik müssen handeln! Jana Krägenbring-Noor, Leiterin der Abteilung Konzern Umweltschutz und Energiemanagement, verrät, was es für die nachhaltige Transformation eines Weltkonzerns braucht – und warum kein Weg an einer nachhaltigen Geschäftsstrategie vorbeiführt.

Wenn ich im Urlaub an der Ostsee in den Sonnenuntergang schaue und die Seevögel am Horizont beobachte, dann ziehe ich daraus nicht nur Kraft, sondern werde mir auch einer Sache sehr bewusst: Wie wichtig es ist, Natur und Mensch in der Balance zu halten. Mit diesem Ziel vor Augen starte ich morgens meinen Laptop - und bin froh darüber, nachhaltiges Handeln in einem Unternehmen wie Mercedes-Benz mitsteuern zu dürfen. Vor rund vier Jahren gab es für mein Team und mich eine wichtige Aufgabe: Im Unternehmen ein noch stärkeres Bewusstsein dafür schaffen, wie sich unser Handeln auf die Umwelt auswirkt. Nachhaltigkeit gehört ins Zentrum des Geschäfts - und es ist nicht allein damit getan, lokal emissionsfreie Autos auf die Straße bringen.

Nachhaltigkeit muss für jeden Mitarbeitenden handlungsleitend sein

Vielmehr bedeutet eine nachhaltige Geschäftsstrategie, Nachhaltigkeit in alle Prozessen entlang der Wertschöpfungskette zu integrieren – ein großes Vorhaben, das nur dann erfolgreich sein kann, wenn alle mitwirken. Mein Team und ich sind hier kontinuierlich als Impulsgeber und Treiber des Strategie- und Umsetzungsprozesses stark gefordert. Die richtigen Fragen müssen sozusagen in die Genetik der Organisation übergehen: Wo ist Klima- und Umweltschutz relevant für meine Aufgaben und welche Aspekte muss ich bedenken? Was bedeutet diese Entscheidung für den Ressourcenverbrauch und den CO₂-Fußabdruck? Wo kann ich auch unabhängig von Leistungsindikatoren besser werden? Hier haben wir schon große Schritte gemacht, und das nicht nur bei der Fahrzeugentwicklung und in der Produktion.

Die Elektro-Limousine EQS wird in der Factory 56 in Sindelfingen CO2-neutral produziert.

Einfluss auf die hohe Veränderungsdynamik haben zunehmend auch Investoren, die nachhaltiges Handeln zur Bedingung machen. Eine Antwort darauf war der erste grüne Bond in Höhe von einer Milliarde Euro, den die Mercedes-Benz Group im September 2020 begeben hat. Im Februar 2021 folgte die zweite grüne Anleihe in gleicher Höhe. Mit dem Nettoerlös aus den Emissionen werden ausschließlich grüne Projekte finanziert. Investoren können sich also direkt an den Nachhaltigkeitszielen beteiligen, während wir uns die Liquidität für wichtige Zukunftsinvestitionen sichern.

Schließlich sind unsere eigenen Anstrengungen als Unternehmen in den rechtlichen Rahmen eingebettet, der von der Politik vorgegeben wird. Darin sind zum Beispiel die Ziele aus dem Pariser Klimaabkommen umzusetzen, so dass Vorgaben und Anreize nicht nur für Einzelne, sondern für die Gesellschaft als Ganzes gesetzt werden – denn nur so kann das Klima nachhaltig und effektiv geschützt werden. Auf europäischer Ebene werden Fahrzeugherstellern beispielsweise Flottengrenzwerte vorgegeben – wobei wir mit den Zielen unserer Ambition 2039 über diese Vorgaben hinausgehen.

Bis 2039 wollen wir CO₂-neutral werden – das Ziel, das wir uns im Mai 2019 mit der besagten Ambition 2039 vorgenommen haben, hat seitdem enorm an Dynamik gewonnen, intern wie extern. In meinen Augen sind wir binnen zwei Jahren deutlich weitergekommen, als anfangs denkbar erschien. Die Entscheidung des Vorstands, Nachhaltigkeitsziele für alle Bereiche zu setzen, ist aus meiner Sicht die Basis für diesen Erfolg: Umweltschutz wird direkt im Arbeitsalltag gesteuert und gelebt.

Es macht mich stolz, dass wir unsere für 2021 definierten Ziele in manchen Bereichen sogar übertroffen haben. Zum Beispiel ist es uns gelungen, den Kobaltanteil an den Kathoden der Batteriezelle des EQS auf weniger als zehn Prozent und damit deutlich gegenüber vorherigen Batteriegenerationen zu verringern. Und auch unser Einkauf hat große Fortschritte gemacht: Mercedes-Benz hat zum Beispiel im Rahmen seiner strategischen Partnerschaften mit den Batteriezellenpartnern CATL, ACC und Farasis den Bezug von CO₂-neutral produzierten Batteriezellen vereinbart. Ab dem EQS beziehen wir nur noch CO₂-neutral produzierte Batteriezellen für unsere neuen vollelektrischen Pkw-Modelle. Damit werden etwa 30 Prozent der Emissionen der Batterieherstellung eingespart.

Schritt eins: (Öko-) Bilanz ziehen

Doch woher wissen wir eigentlich, wo der Handlungsbedarf besonders dringlich ist oder Reduktionsmaßnahmen besonders wirkungsvoll sind? Hier gilt für alle Bereiche erst einmal das Gleiche: Wir setzen auf detaillierte Auswertungen unseres Verbrauchs.

Mein Team und ich konzentrieren uns dabei auf die Frage, wie wir mit einem ganzheitlichen Ansatz die Umweltverträglichkeit der Produkte steigern und Umweltauswirkungen reduzieren können. Denn wer seine Ökobilanz nachhaltig verbessern will, braucht den 360°-Blick - über den gesamten Lebenszyklus: Welche Belastung bringen bereits die Rohstoffe mit? Wie viel Energie wird für die Produktion benötigt, welchen Einfluss haben die verschiedenen Antriebsstränge in der Nutzungsphase auf die CO₂-Bilanz und welchen Effekt hat der Einsatz von Rezyklaten? All das können wir inzwischen nicht nur manuell, sondern automatisiert vom Rohstoff bis quasi zur letzten Schraube auswerten. Dadurch wissen wir ganz genau, welche Hebel wir für mehr Klimaneutralität, Umweltverträglichkeit und weniger Ressourcenverbrauch in Bewegung setzen müssen. Die Ökobilanz des EQS zeigt zum Beispiel, dass wir mit „Electric only“ aus heutiger Sicht auf dem richtigen Weg sind: Seine CO₂-Bilanz schneidet im direkten Vergleich zum Verbrenner über den gesamten Lebenszyklus um 80 Prozent besser ab – wenn konsequent mit Grünstrom geladen wird. Bereits nach 20.000 Kilometer gleichen sich dann die höheren Emissionen aus der Herstellung des EQS gegenüber einer konventionellen S-Klasse aus. Das sind Zahlen, die wir vor ein paar Jahren noch als visionär bezeichnet hätten.

Materialien im Kreislauf halten

Wir schauen uns auch die Materialien eines Fahrzeugs genau an. Und übernehmen Verantwortung für unsere Lieferkette, auch wenn wir hier nicht alle Fäden in der Hand haben. Unser Ziel auch hier - wertvolle Ressourcen schonen und so wenig wie möglich Primärrohstoffe einsetzen. Bei Mercedes-Benz haben wir uns deshalb vorgenommen, den Einsatz von Rezyklaten bis 2030 auf einen Anteil von 40 Prozent zu erhöhen. Im Bereich der Kunststoffe sind wir hier schon gut unterwegs: Sitzbezüge aus 100 Prozent recycelten PET-Flaschen, Bodenbeläge aus aufbereiteten Fischernetzen und Stoffresten statt Tuftvelour oder Kabelkanäle aus recyceltem Haushaltsmüll sind bereits im Einsatz. Allein der EQS bringt 80 Kilogramm seines Gesamtgewichts mit ressourcenschonenden Materialien auf die Waage. Ich war wirklich begeistert, als ich den Vision EQXX erleben durfte, den wir im Januar 2022 vorgestellt haben: Hier wurden im Innenraum zum Beispiel zahlreiche Materialien ganz ohne Produkte tierischen Ursprungs verwendet.

Im EQS sind 287 Bauteile aus ressourcenschonenden Materialien mit einem Gesamtgewicht von 82,3 Kilogramm verbaut.

95 Prozent eines Fahrzeugs sind heute wiederverwertbar. Auf dem Weg zur Circular Economy müssen wir jedoch bedenken: Der Stahl aus der Altfahrzeugverwertung wandert heute für gewöhnlich nicht in die Produktion eines Neufahrzeugs, sondern eher in den Stahlträger eines Hochhauses. Das ist zunächst schon mal gut, bedeutet aber auch, dass die hochwertigen Automotive Legierungen damit gebunden sind. Wir wollen hier näher an den „Closed Loop“ im Autobau kommen. Bei unseren Hochvoltbatterien legen wir noch vor einem Recycling auf die Wieder- und Weiterverwendung großen Wert: Ist eine Batterie defekt, wird sie für eine Wiederverwendung im Fahrzeug aufbereitet. Eignet sie sich nicht mehr für den Einsatz auf der Straße, wird sie in einem stationären Energiespeicher weiterverwendet, um beispielsweise Energiespitzen im Stromnetz auszugleichen. Erst danach geht es in den Recyclingprozess, um wertvolle Rohstoffe zurückzugewinnen.

Durch technologischen Fortschritt Rohstoffrisiken verringern

Auch wenn die Prozesse rund um das Recycling schon sehr ausgereift sind, stecken in der Batterie wertvolle und teils kritische Rohstoffe. Unser Ziel ist es daher, Einsatzmengen kritischer Rohstoffe pro Fahrzeug kontinuierlich zu verringern. Unsere Fahrzeuge sollen über dengesamten Lebenszyklus möglichst ressourcenschonend und umweltfreundlich sein. Diesen Ansatz nennen wir in der Fahrzeugentwicklung „Design for Environment“. Umso wichtiger ist es, die einzelnen Bestandteile bereits vor der ersten Fahrzeugskizze auf soziale und ökologische Risiken zu prüfen. Hinweise darauf, wie hoch die jeweiligen Risiken ausfallen, gibt die gemeinsam mit der Technischen Universität Berlin und weiteren Partnern entwickelte Essenzmethode. Diese fragt zum Beispiel danach, wie sich der Rohstoffvorrat auf der Erde verteilt oder ergänzend zu unserem Human Rights Respect System inwieweit der Abbau mit Menschenrechtsrisiken verbunden sein könnte. Mithilfe der Ergebnisse gewinnen wir ein klares Bild vom ökologischen, ökonomischen und sozialen Risikopotenzial, das mit dem Einsatz eines Rohstoffs verbunden ist. Insgesamt hat die Mercedes-Benz Group mittlerweile 24 solcher Risikorohstoffe identifiziert – darunter Kobalt und Lithium, die wir künftig ausschließlich aus zertifiziertem Abbau beziehen.

Unser Anspruch geht aber weit über branchenweite Standards hinaus: Mittelfristig wollen wir die Einsatzmenge kritischer Materialen reduzieren, indem wir Rohstoffe als sogenannte „Second Use Raw Materials“ möglichst lange im Kreislauf halten. Gleichzeitig arbeiten unsere Ingenieure mit Hochdruck daran, die Energiedichte der Lithium-Ionen-Technologie zu erhöhen. Auch damit können wir die Verwendung von kritischen Rohstoffanteilen verringern. Mit Erfolg: Der Kobaltanteil der neuen Batteriezellengeneration sinkt bereits auf unter zehn Prozent. Perspektivisch verändern wir die Materialzusammensetzung dann komplett: Während heute vergleichbare Anteile von Nickel, Mangan und Kobalt in den Zellen stecken, könnte Nickel Kobalt in der Lithium-Ionen-Batteriezelle schon bald weitgehend ersetzen. In der Zukunft wollen wir mit der Post-Lithium-Ionen-Technologie bei den Batterien ganz ohne Nickel und Kobalt auskommen.

Mit Grünstrom zur CO₂ neutralen Produktion

Auch in der Fahrzeugproduktion haben einen großen Sprung gemacht: Der Einsatz nachhaltiger Energie ist 2021 weiter gestiegen, seit 2022 kommt der zugekaufte Strom komplett aus erneuerbaren Quellen und wir produzieren in den Pkw- und Van-Werken von Mercedes-Benz weltweit CO₂-neutral. Die Verfügbarkeit von Grünstrom an all unseren Standorten weltweit zeigte sich allerdings als eine zentrale Herausforderung: Die örtlichen Gegebenheiten sind oft sehr unterschiedlich. Nicht immer war grüner Strom verfügbar oder ließ sich ohne weiteres dorthin führen, wo wir ihn benötigen. Wir haben daher weltweit den Dialog mit den Werken gesucht und individuelle Lösungen zur Grünstromversorgung erarbeitet, was neben dem Ausbau von Photovoltaikanlagen ein wesentlicher Schlüssel war, um CO₂–Neutralität in der Produktion zu ermöglichen. Ganz ohne Kompensation geht’s allerdings noch nicht: Gerade an Standorten, die viel Prozesswärme benötigen, wollen wir perspektivisch noch besser werden.

Flexibel, digital, effizient und nachhaltig: Die Factory 56 in Sindelfingen produziert seit 2020 vollständig CO2-neutral und mit einem deutlich reduzierten Energiebedarf.

Wie wir von ESG-Ratings lernen können

Ob wir uns in Sachen Transformation grundsätzlich auf der richtigen Spur bewegen, zeigt übrigens nicht nur der aktuelle Aktienkurs. Neben Finanzrankings und Trendanalysen des Kapitalmarkts halten uns auch ESG-Ratings zunehmend den Spiegel vor. Für uns sind diese Scorings eine Orientierungshilfe: Was sind die „Trending Topics“ und wo müssen wir schneller vorankommen? ESG-Ratings sind deshalb auch für Investoren ein wichtiger Indikator dafür, ob wir unsere Investitionen nachhaltig einsetzen.

Mit Blick auf die Transformation unseres Unternehmens bin ich sehr zuversichtlich. Dieses positive Gefühl ist wichtig für meine tägliche Motivation bei der Arbeit. Mir ist es enorm wichtig in einem Unternehmen zu arbeiten, das Umweltschutz zur Priorität gemacht hat. Bei Mercedes treibt uns das Ziel an, Mensch und Mobilität in Einklang mit der Umwelt zu bringen. Im Wissen, dass wir hart arbeiten, um unsere Ziele zu erreichen, kann ich beim Abendspaziergang mit unserem Vierbeiner in Wald und Wiese gut durchatmen und freue mich auf den nächsten Arbeitstag.


Über die Autorin:

Jana Krägenbring-Noor ist Leiterin der Abteilung Konzern Umweltschutz und Energiemanagement und koordiniert als Mitglied des Sustainability Competence Offices das Group Sustainability Board. Ihre Abteilung verantwortet die Themen Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Energiemanagement der Mercedes Benz AG und ist für die Einhaltung der Umwelt- und Energiepolitik zuständig.

Diesen und weitere Artikel finden Sie auch in unserem Nachhaltigkeitsbericht 2021 .