Hochspannung garantiert. Know-how in Sachen Batterie

Von Beruf ist er Entwickler, doch einige Male im Monat wird Manuel Neidhardt zum Trainer. Dann bildet er bei Mercedes-Benz Kolleginnen und Kollegen zu Batteriefachkräften aus. Wir haben ihn dabei begleitet.

Das Objekt der Begierde liegt auf dem Tisch. Eine Mercedes-Benz Lithium-Ionen-Batterie der neuesten Generation. Genau genommen ist es eine halbe. Zu Demonstrationszwecken wurden ein Teil des Gehäuses und einige weitere Elemente entfernt. Damit wird der Blick frei auf das Innere der Batterie – auf Zell-Module, die Elektronik, die Kühlung, die bauliche Struktur. Manuel Neidhardt mag diese Momente zu Beginn der Trainings. Dann, wenn er in der Werkstatt des Aus- und Weiterbildungszentrums in Sindelfingen von Kolleginnen und Kollegen umringt ist, die scheinbar jeden seiner Sätze aufsaugen. Denn was er zu bieten hat, ist heiße Ware: Know-how in Sachen Batterie. „Keine Sorge, hier darf man alles anfassen“, scherzt der promovierte Chemiker, und reicht eine Zelle herum. Noch etwas vorsichtig greifen die anderen zu – das sei ganz normal, sagt Neidhardt: „Man muss sich an Batterien herantasten, ein Gefühl dafür bekommen.“

Ein Gefühl für Batterien bekommen – genau darum geht es Neidhardt und vier weiteren Kollegen aus der Batterieentwicklung von Mercedes-Benz. Neben ihrer Arbeit als Entwickler bilden sie seit 2018 für die verschiedensten Bereiche bei Daimler Fachkräfte für Lithium-Ionen-Batterien aus.

Spätestens mit der Ambition2039 ist der Bedarf rapide gestiegen. Mit dem jüngsten Strategie-Update hat das Unternehmen seine Ziele bei der Elektromobilität nochmals nachgeschärft: Mercedes-Benz wird bis Ende der Dekade bereit sein, voll auf reine Elektromobilität umzustellen, wo immer es die Marktbedingungen zulassen, und wird ab 2025 alle neuen Fahrzeug-Architekturen auf reinen Elektroantrieb auslegen. Das bedeutet auch, dass perspektivisch immer mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Batterien umgehen – und umgehen können müssen. Bereits heute reicht das Portfolio von Starter-, 48-Volt-, Plug-in- bis zur kompletten E-Auto-Batterie – und der Anteil rein elektrischer Modelle wird sukzessive steigen. Im letzten Jahr wurden bei Mercedes-Benz daher allein in Deutschland rund 20.000 Beschäftigte zu Themen rund um die Elektromobilität qualifiziert. Mit der Umstellung auf reine Elektromobilität werden in den nächsten Jahren noch weitere Tausende Kolleginnen und Kollegen geschult werden.

Bei den Schulungen von Manuel Neidhardt und seinen Kollegen gilt: Hochspannung garantiert!

Vom Grundkurs bis zur Expertenschulung

Entwickelt und durchgeführt wird das Schulungsprogramm in enger Zusammenarbeit von Batterieentwicklung und den „TechAcademys MO und RD“, die die Planung und Organisation sowie die Bereitstellung der Räume und des Equipments übernimmt. Insgesamt bieten Neidhardt und seine Kollegen vier Schulungsprogramme an. Da ist zum Beispiel die Batteriefachkraftanwenderschulung: „Sie ist gewissermaßen der Grundkurs im Umgang mit Batterien.“ Diese Schulung richtet sich an alle, die in ihrem täglichen Job in irgendeiner Weise mit Batterien zu tun haben und bei einem Ereignis den sicheren Zustand der Batterie feststellen müssen. Das geht von Mitarbeitenden in der Produktion bis hin zu Kolleginnen und Kollegen in der Entwicklung. Das Ziel: „Wissen, wie man mit einer Batterie umgeht und was im Notfall zu tun ist“, erklärt Neidhardt. Darüber hinaus kann man sich mit einer aufbauenden Schulung zum Batterie-Experten weiterqualifizieren, etwa, wenn man im Rahmen seines Jobs Notfall- und Fluchtpläne erstellt und koordinative Aufgaben übernimmt.

Das Schulungsangebot der Batterie-Entwickler richtet sich jedoch nicht nur an Mitarbeitende mit Berufserfahrung. Es ist auch Teil der Ausbildung zur Elektrofachkraft bei Daimler. So sitzen sowohl Auszubildende in den Schulungen als auch Beschäftigte, die ihren Beruf wechseln möchten: „Das sind Personen, die bislang in anderen Bereichen gearbeitet haben und dort wenig oder nichts mit Elektronik zu tun hatten“, so Neidhardt. „Ihnen geben wir – neben all den weiteren Ausbildungsinhalten, die sie erhalten – einen Einblick in die Batterietechnik.“

Doch angesichts der steigenden Nachfrage stoßen auch Neidhardt und seine Kollegen zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen. Daher führen sie zusätzlich sogenannte „Train-the-Trainer“-Schulungen durch. Die richten sich speziell an Kolleginnen und Kollegen, die das Trainingskonzept an ihre jeweiligen Standorte weitertragen und dort selbst Schulungen durchführen möchten. Mit Erfolg: „Mittlerweile haben wir neben Sindelfingen ausgebildete Trainer in Rastatt, Bremen, Kecskemét, aber auch in den USA.“

Aber die Entwicklung der Technologie ‚Batterie‘ ist unglaublich schnelllebig: „Was heute Stand der Technik ist, kann sich sehr schnell verändern.“ Daher bieten die Batterie-Entwickler auch Auffrischungskurse an jeweils aktuellen Batterien an.

Theorie und Praxis

„In aller Regel stellen wir zunächst das Batterie-Portfolio von Mercedes-Benz vor“, erklärt Neidhardt den Ablauf einer Schulung. „Dann schauen wir uns die Batterie genauer an – von innen nach außen.“ Dabei stehen Fragen zu den zentralen Elementen im Mittelpunkt: Was macht die Zelle? Was sind die Module? Welche weiteren Bauteile gibt es? Wo befindet sich die Elektronik? Wie funktioniert das Zusammenspiel der einzelnen Elemente?

Der Fokus liegt dabei immer auf bestimmten Sicherheitsaspekten, erklärt Neidhardt: „Unser Ziel ist es, dass die Mitarbeiter ein Bewusstsein für potenziell kritische Momente entwickeln, diese erkennen und wissen, was sie tun können – und natürlich auch, was sie nicht tun sollten.“ Grundlegendes Handwerkszeug ist die sogenannte Batteriebewertung, also die Fähigkeit, den Zustand einer Batterie festzustellen, etwa vor dem Transport oder im Schadensfall. Verschiedene Übungen sollen zudem dazu beitragen, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine gewisse Sicherheit im Umgang mit Batterien zu vermitteln: „Wenn eine Batterie runterfällt, explodiert sie nicht. Sie ist durch ihr stabiles Gehäuse erstmal geschützt.“

Lernen am Modell: Gemeinsam mit seinem Trainer-Kollegen Matthias Seeger bereitet Neidhardt eine Fahrzeugdiagnose am EQS vor.

Inzwischen nimmt Neidhardt mit seiner Gruppe einen EQS unter die Lupe. „Das Lernen am Modell ist für viele Teilnehmer das Highlight einer Schulung“, erzählt Neidhardt. Es ist gleichzeitig auch ein sehr wichtiger Teil. Denn es geht nicht nur darum, die Batterie zu verstehen. Es geht auch um das Zusammenspiel mit der weiteren Fahrzeugtechnik. Mindestvoraussetzung dafür: Erste Erfahrungen mit Fahrzeugdiagnose, also dem Auslesen verschiedener Werte, erklärt Neidhardt: „Wir zeigen dann, wie man mit den jeweiligen Batterietypen kommuniziert, welche Werte wichtig sind und wie man sie interpretiert.“

Dabei kommt Neidhardt und seinen Kollegen die Nähe zur Entwicklung zupass: „Wir haben den Luxus, jederzeit auf verschiedene Modelle mit verschiedenen Batterien in verschiedenen Musterständen zurückgreifen zu können“. Das macht die Schulungen praxisnah und produktbezogen.

Lehren und Lernen

Praxisnähe garantieren auch die Trainer selbst. „Der eine beschäftigt sich mit der neuesten Batteriegeneration, der andere kennt die neuesten Zelltechnologien, der nächste testet die neueste Software“, erzählt Neidhardt. Neue Erkenntnisse fließen – sobald sie spruchreif sind – unmittelbar in das Schulungskonzept mit ein.

Neidhardt selbst arbeitet in der Serienbetreuung für Plug-In-Hybrid-Batterien. Derzeit entwickelt er gemeinsam mit weiteren Kolleginnen und Kollegen aus der Entwicklung, der Produktion, dem Einkauf und After Sales das Reparaturkonzept für Batterien weiter. Wenn eine Batterie einen kleinen Defekt hat, sollte man alles tun, um sie wieder zu Laufen zu bringen““, erklärt er. Man braucht ein nachhaltiges Konzept, um ein Ersatzteil auch in fünf oder zehn Jahren zur Verfügung zu stellen: „Das zu entwickeln, ist super spannend.“

In seinem Element: Neidhardt an einer Lithium-Ionen-Batterie.

Auch wenn das Qualifizierungsprogramm nur ein kleiner Teilaspekt seines Jobs bei Mercedes-Benz ist, liegt es Neidhardt sehr am Herzen: „Ich habe einfach Spaß daran, mein Wissen anderen Leuten weiterzugeben“. Das Schulungsprogramm bringe ihn mit Menschen aus den verschiedensten Bereichen von Daimler zusammen und ermöglicht intensiven Austausch – nicht immer nur zu Auto-Batterien, wie er schmunzelnd berichtet: „Mit dem technischen Hintergrund, den wir in den Schulungen vermitteln, verstehen manche plötzlich, warum der Akku ihres Handys schon wieder kaputt ist, der Akkuschrauber nicht mehr lädt oder warum das e-Bike dauernd streikt. Zu sehen, wie ihnen ein Lichtlein aufgeht, das gibt mir viel!“

Auch er selbst wechsele von Zeit zu Zeit auf die Schulbank: „Ich freue mich immer, wenn ich etwas Neues lernen kann, ich kann nicht still sitzen“, erzählt er. Offenheit für Neues, Eigeninitiative und die fachliche Unterstützung durch Kollegen, das sei der „Drive“, den das Unternehmen für die Zukunft brauche, sagt Neidhardt: „Wir müssen immer am Zahn der Zeit sein – und das geht nur, wenn wir stetig lernen, als Unternehmen und als Menschen.“