„Sicherheit im Straßenverkehr ist keine Frage des Antriebs“

Seit über 20 Jahren ist Professor Rodolfo Schöneburg erfolgreich in der Entwicklung für die integrale Fahrzeugsicherheit bei Mercedes-Benz verantwortlich. Wir sprachen anlässlich des Tags der Verkehrssicherheit am 19. Juni mit dem Leiter des Centers Sicherheit, Betriebsfestigkeit und Korrosionsschutz über die Grenzen der Physik, den Einfluss der Elektromobilität auf die Verkehrssicherheit und seine ganz persönliche Zukunft.

Herr Schöneburg, wenn man sich von Berufs wegen mit Sicherheit befasst, ist man dann ein vorsichtiger Mensch oder lotet man bewusst die Grenzen der Physik aus?

Um ehrlich zu sein, bin ich eher ein vorsichtiger Mensch. Ich bin nicht derjenige, der Free Mountain Climbing oder ähnliches macht. Auf der anderen Seite liebe ich Geschwindigkeiten und das offene Fahren. Ich nutze gern mein Motorrad und genieße die damit verbundenen Freiheiten. Da ich aber weiß, dass Motorradfahren nicht sehr sicher ist, gleite ich ohne Knautschzone und Airbags eher gemächlich dahin.

Bei Nachhaltigkeit denken die meisten an Umweltschutz oder Ressourcenschonung. Was hat Sicherheit mit Nachhaltigkeit zu tun?

Nachhaltigkeit und Sicherheit sind für mich untrennbar verbunden. Für mich heißt Nachhaltigkeit im Bereich der Fahrzeugsicherheit, die sichere und individuelle Mobilität zu ermöglichen, ohne sich selbst und andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden. Unser Leitsatz lautet: unfallfreies Fahren. Wir beschäftigen uns seit über 50 Jahren mit dem realen Unfallgeschehen und versuchen, Unfälle zu vermeiden – das meinen wir mit aktiver Sicherheit – oder zumindest die Unfallfolgen zu mindern – passive Sicherheit. Durch Innovationen treiben wir das stetig voran.

Brauchen wir aktive und passive Fahrsicherheitssysteme noch, wenn wir in Zukunft automatisiert unterwegs sind?

Grundsätzlich ist es richtig gedacht: ohne Unfälle bräuchten wir beispielsweise keine Airbags mehr. Und die zunehmende Automatisierung wird helfen, weiter Unfälle zu verhindern. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass Unfallschutzsysteme noch jahrzehntelang in unseren Fahrzeugen zum Einsatz kommen. Auch, weil wir uns in Zukunft in einem Mischverkehr bewegen werden. Es wird Fahrzeuge geben, die automatisiert unterwegs sind und andere, die es nicht sind.

Die Physik bleibt auch bei automatisierten Fahrzeugen gültig und wird neue Herausforderungen mit sich bringen. Wenn Insassen sich beispielsweise zurücklehnen oder halb liegen, um einen Film zu schauen, während sie sich nicht mehr der Fahraufgabe widmen müssen, dann stoßen bisherige Rückhaltesysteme an ihre Grenzen. Das heißt, wir benötigen teilweise bei diesen Fahrzeugen komplett neue passive Sicherheitssysteme, um den komplexeren Innenraumsituationen gerecht zu werden.

Ein kurzer Rückblick: Sie haben die Fahrzeugsicherheit bei Daimler seit mehr als 20 Jahren als Centerleiter geprägt. Was hat sich hier in den letzten 20 Jahren bei der Sicherheit getan?

Die Sicherheit auf den Straßen hat sich seitdem erheblich verbessert. Ein Indikator dafür ist die gesunkene Anzahl der Verkehrstoten im deutschen Straßenverkehr und das bei mehr Fahrzeugen und deutlich höheren Fahrleistungen. Auch international sind die Sicherheitsanforderungen und Gesetze zur Fahrzeugsicherheit deutlich gestiegen.

Welche Meilensteine konnten beim Thema Sicherheit in der aktuellen S-Klasse umgesetzt werden?

Bei der neuen S-Klasse sind wir sehr stolz auf viele Innovationen, die der Fahrzeugsicherheit dienen, nehmen wir den Rücksitz als Beispiel. Der Fondairbag – eine Weltneuheit – in Verbindung mit dem Beltbag, kann die Kopf- und Brustbelastungen von Insassen im hinteren Bereich des Fahrzeugs erheblich reduzieren. Zwei Innovationen, die wir bereits im ESF 2019 gezeigt haben und nun in der neuen S-Klasse umsetzen konnten. Insgesamt sind in diesem Fahrzeug damit bis zu 18 Airbags verbaut, inklusive einem neuen Mittenairbag zwischen Fahrer und Beifahrer.

Welchen Einfluss wird die Elektromobilität auf die Verkehrssicherheit haben?

Zunächst einmal ist die Sicherheit im Straßenverkehr für uns keine Frage des Antriebs. Unsere Elektrofahrzeuge sind mindestens genauso sicher wie Verbrenner- oder Hybridfahrzeuge. Zusätzlich haben wir für Elektrofahrzeuge ein siebenstufiges Sicherheitskonzept entwickelt, das die Sicherheit von Insassen und Rettungskräften auch bei schweren Unfällen gewährleistet. Durch entsprechende Schutzzonen und Strukturkonzepte wird so die Lithium-Ionen-Batterie von Verformungen freigehalten. Der Umstieg auf die Elektromobilität kann für die Verkehrssicherheit noch einen weiteren indirekten Vorteil haben. Die Flottenverjüngung bringt die Einführung moderner Assistenz- und Sicherheitssysteme mit sich. Und eines ist klar: Moderne Autos sind sicherer als alte Fahrzeuge.

Die unterschiedlichen Materialzusammensetzungen sind in unterschiedlichen Farben gekennzeichnet, die Crashsensorik und Sensoren der Fahrassistentzysysteme sind gelb markiert, des Weiteren zu sehen: Die Rückhaltesysteme.

Neben der Entwicklung von Fahrzeugsicherheit steht Ihr Name auch für weitere Initiativen im Bereich der Verkehrssicherheit. SAFE ROADS und Mobile Kids sind nur zwei Beispiele Ihres Engagements. Berichten Sie uns davon.

Mit SAFE ROADS tragen wir ganz gezielt in Ländern mit einer hohen Anzahl von Verkehrsopfern durch Aufklärung dazu bei, dass Verhalten der Verkehrsteilnehmer zu verbessern. In Indien sterben zum Beispiel jede Stunde 17 Menschen auf der Straße, mehr als irgendwo sonst auf der Welt.¹ Das Konzept ist in Indien so erfolgreich gewesen, dass wir es bereits auf China ausgeweitet haben. SAFE ROADS ist für mich ein tolles Beispiel für Nachhaltigkeit im Bereich der Verkehrssicherheit. Wir führen dieses Programm daher auch als CSR-Initiative (Corporate Social Responsibility) durch, also mit einem gemeinnützigen Hintergrund.

Mobile Kids ist eine Daimler-Initiative, mit der wir Schulkinder auf Risiken im Straßenverkehr sensibilisieren und so den Weg zur Schule ein Stück sicherer machen. Ich bin sehr stolz darauf, als einer der Initiatoren bei solchen Projekten dabei sein zu dürfen, aber das ist auch immer eine Leistung der gesamten Mannschaft.

Herr Prof. Schöneburg, nach 22 Jahren in der Fahrzeugsicherheit bei Daimler steht für Sie ein neuer Lebensabschnitt an. Bleiben Sie auch nach Ihrer beruflichen Laufbahn der Forschung am sicheren Fahren treu oder ziehen Sie ab jetzt die Gartenarbeit vor?

40 Jahre Berufserfahrung und davon 22 Jahre bei Mercedes-Benz – das wird sicherlich nicht von heute auf morgen aufhören. Ich habe verschiedene Ideen, mich zukünftig für die Sicherheit weiter einzusetzen. Einerseits soll mein Lehrengagement an der Hochschule in Dresden und die Arbeit für die Wissenschaft bestehen bleiben. So möchte ich mit einigen Sicherheitsexperten das Buch „Integrale Sicherheit von Kraftfahrzeugen“ neu auflegen und aktualisieren. Andererseits möchte ich unserer Firma weiterhelfen, wo ich kann, und auch dem VDI, dem Verein Deutscher Ingenieure, bei dem ich seit Jahren sehr aktiv bin, noch eine gewisse Zeit lang erhalten bleiben, um auch in Zukunft Impulse in Richtung der Fahrzeugsicherheit zu setzen.

Was waren für Sie die persönlichen Highlights in Ihrer Zeit bei der Daimler AG?

Wieviel Zeit habe ich? Es ist eine lange Zeit, da gab es einige ganz herausragende Themen und über viele haben wir auch schon gesprochen. Was aber übergreifend für den Anspruch und die Kultur bei Daimler spricht ist, dass ich seit 20 Jahren einmal im Jahr dem Vorstand die Funktionalstrategie Fahrzeugsicherheit vorstelle und diese mir bestätigen lasse. Dabei durfte ich schon einige Vorstände erleben, aber alle hatten das Thema Sicherheit tief in sich verankert. Kein Kosteneffizienzprogramm hat diesen Kernwert unserer Marke je in Frage gestellt.

Bestbewertungen in den verschiedenen Sicherheitsratings, wie fünf Sterne im Euro-NCAP, die wir immer als Ziel haben, waren und sind unser Anspruch. Dieses Selbstverständnis für die Fahrzeugsicherheit in unserer Firma und im gesamten Management ist etwas ganz Besonderes. Zudem ist die extrem erfahrene Mannschaft im Bereich der Sicherheit jeden Tag aufs Neue ein Highlight für mich. Nur als Team ist es überhaupt denkbar, dass man so lange führend bei der Sicherheit ist und immer wieder Innovationen in den Markt bringt.

Keine halben Sachen...

In 20 Jahren wird der Führerschein … immer noch erforderlich sein - vielleicht unter etwas neuen Rahmenbedingungen.

Der größte Meilenstein beim Thema Verkehrssicherheit ist für mich ... die Erfindung der Knautschzone mit der stabilen Fahrgastzelle. Dadurch wurde das Thema Sicherheit jedem so richtig bewusst.

Wenn ich nicht bei Daimler arbeiten würde, dann … hätte ich sicherlich die Hochschullaufbahn gewählt. Wenn man aber im Bereich der Fahrzeugsicherheit in einem Unternehmen tätig sein möchte, ist Mercedes-Benz das Nonplusultra.