"Wir haben die Möglichkeit, wirklich etwas zu verändern"

Digitalisierung und Dekarbonisierung gelten als die zwei größten Treiber der nachhaltigen Transformation der Mercedes-Benz AG. Jasmin Eichler, Leiterin Future Technologies, und ihrem Team kommt auf diesem Weg eine wichtige Rolle zu. Sie beschäftigen sich tagtäglich mit Innovationen, die uns unserem Ziel näherbringen: einer emissionsfreien Neuwagenflotte bis spätestens 2039. Wir haben anlässlich des Weltumwelttages am 5. Juni mit Jasmin Eichler gesprochen. Im Interview erklärt sie, an welchen nachhaltigen Lösungen sie mit ihrem Team arbeitet, auf welches Projekt sie besonders stolz ist und warum sie unser Engagement im Rahmen der Initiative „The Climate Pledge“ unterstützt.

Frau Eichler, Sie sind seit drei Jahren Leiterin des Bereichs „Future Technologies“. Wie sieht Ihr Alltag aus und wie viel Science-Fiction steckt darin?

Science-Fiction begegnet uns natürlich oft. Ein Beispiel, an dem wir forschen: Brain-Computer Interface, kurz BCI genannt. Dabei geht es darum, allein durch die Kraft der Gedanken, Funktionen oder Prozesse im Fahrzeug zu steuern. Wir schauen uns viel an, manchmal ist es umsetzbar und manchmal muss man auch einfach ehrlich sagen, das bleibt wohl für immer Science-Fiction (lacht).

Grundsätzlich könnte man fast sagen, dass wir uns um die Zukunftssicherung der Firma kümmern – das ist unser Job und zwar jeden Tag. Wir sind ein Querschnittsbereich und beschäftigen uns crossfunktional mit Themen, die unsere Produkte innovativer und moderner machen. Gerade in der frühen Phase der Entwicklung, wenn die neuen Baureihenarchitekturen festgelegt werden und die neuen Inhalte für Fahrzeug- und Softwarethemen definiert werden. Hier ist unser Bereich ein Anker, der mit den Fachbereichen gemeinsam neue, innovative Konzepte rund um Produkt- und Technologiethemen prüft und gesamtheitlich dabei unterstützt, diese Themen zu erarbeiten und schneller in Serie zu bringen. Die größten Treiber hierbei sind natürlich die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit, und hier vor allem Ressourcenschonung und Innovationen rund um die Reduktion von CO₂.

Inwiefern trägt die Digitalisierung zu mehr Nachhaltigkeit in der Automobilentwicklung bei?

Digitalisierung ist ein schwieriges Schlagwort, da es hier, so wie bei dem Begriff der Nachhaltigkeit übrigens auch, verschiedene Definitionen gibt. Ich teile den Begriff Digitalisierung gerne in zwei Kategorien: auf der einen Seite die digitalen Entwicklungsprozesse, Methoden und Tools, auf der anderen Seite das digitale Produkt. Beide sind zwei sehr starke Hebel für mehr Nachhaltigkeit.

Zu Punkt 1: Wenn es zum Beispiel in der Entwicklung gelingt, früher einen höheren Reifegrad zu erzielen, in dem Konzepte zunächst digital abgebildet werden, dann braucht man weniger Hardware und schont Ressourcen. Hier können wir Hardware-Muster digital simulieren und integrieren. Wenn wir dann noch Methoden und Tools anwenden, um Gewicht zu sparen, und zusätzlich nachhaltige Materialien verwenden, dann wird da wirklich ein Schuh draus. Und damit ein wesentlicher Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit.

Und zu Punkt 2: Wenn wir in der Lage sind, den Kunden langfristig immer wieder eine neue User Experience anzubieten – und zwar ohne den Austausch von Hardware, sondern über Software-Updates - dann ist das ein weiterer wesentlicher Punkt für mehr Nachhaltigkeit, weil auch dadurch der Ressourcenverbrauch sinkt.

Es heißt häufig, das Auto werde zum Smartphone auf Rädern. Stimmen Sie dem zu?

Das würde ich bestätigen. Auch wenn ein Auto letztlich kein Smartphone ist, sondern ein Fahrzeug, das Menschen transportiert, wird sich das Grundprinzip zwischen Smartphone und Auto immer ähnlicher: Indem es beispielsweise mehr Funktionalitäten erhält oder auch eine integrierte Oberfläche mit gesamtheitlicher Software-Architektur und Betriebssystem. Das sind sehr relevante Punkte. Mit MB.OS beispielsweise macht Mercedes-Benz einen sehr wichtigen Schritt hin zu dem Anspruch, führend im Bereich der Fahrzeug-Software zu sein.

Mit Sicherheit ein elementarer Bestandteil der Mercedes-Benz Strategie. Warum genau dieser Weg?

135 Jahre nachdem unsere Gründungsväter das Automobil erfunden und damit die Welt wie wir sie heute kennen, revolutioniert haben, steht unsere Branche vor dem größten Umbruch ihrer gesamten Geschichte. In der Konzernforschung verfolgen wir zwei klare Ziele. Dekarbonisierung, also die CO₂-Neutralität der gesamten Pkw-Neuwagenflotte, und Digitalisierung. Dafür haben wir unsere Organisation komplett neu aufgestellt und alles auf dieses Ziel ausgerichtet. Wir haben ambitionierte Ziele. Aber das sollte uns nie Angst machen, sondern uns jeden Tag anspornen.

„The Climate Pledge“: Driving change

2019 haben Amazon und Global Optimism die Klimaschutzinitiative The Climate Pledge gegründet. Ziel der Initiative: CO₂-Neutralität aller unterzeichnenden Unternehmen – und zwar zehn Jahre vor dem im Pariser Klimaschutzabkommen gesetzten Ziel. Die Mercedes-Benz AG ist seit Sommer 2020 Mitglied. Mittlerweile sind über 100 Unternehmen beigetreten.

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Wie wichtig sind dabei Kooperationen mit externen Partnern?

Absolut essentiell – und zwar schon in der frühen Phase. Früher hieß es „not invented here“ und viel wurde abgelehnt. Heute gibt es ein neues Denken. Das Implementieren externer Ideen im Konzern ist eine große Leistung. Das erkennen heute viele Unternehmen. Diesen Open-Innovation-Ansatz haben wir bereits vor fünf Jahren mit der von uns gegründeten Plattform STARTUP AUTOBAHN in unserem Konzern in einer eigenen Abteilung verankert. Diejenigen, die sich am intelligentesten extern vernetzen und die richtige Kooperationsstrategie verfolgen, sind hinterher die, die auch langfristig erfolgreich bleiben werden.

Wie viele Ideen schaffen es tatsächlich in die Serienentwicklung?

Unser Ansatz ist extrem erfolgreich. Zum einen haben sich inzwischen mehr als 30 große Unternehmen der STARTUP AUTOBAHN angeschlossen. Zum anderen haben wir in den vergangenen fünf Jahren rund 5000 Startups live angesehen, mit 100 haben wir Pilotprojekte gestartet und mehr als 20 Ideen haben es in unsere Produkte und Services geschafft.

Auf welches Projekt sind Sie besonders stolz?

Ich bin auf all unsere Projekte stolz! Eines davon ist aber ganz sicher der elektrisch angetriebene VISION EQXX. Das ist unser Technologieprogramm, an dem wir seit vergangenem Jahr arbeiten. Es steht für die Innovationskraft von Mercedes-Benz und wird die Transformation weiter vorantreiben. Die technischen Innovationen des VISION EQXX werden schnell Einzug in die Serienfahrzeuge finden. Damit schaffen wir einen echten elektrischen Effizienz-Champion! Wir haben das gesamte Auto darauf getrimmt. Ich freue mich, wenn wir bald mehr dazu sagen dürfen.

Keine halben Sachen…

Eine Welt ohne nachhaltige Ideen ist...
"...keine Option."

Individuelle Mobilität und Nachhaltigkeit...
"...gehören heute einfach zusammen. Beides sind starke Grundbedürfnisse und uns muss es gelingen, eine Perspektive zu schaffen, die beides zusammenführt. So müssen unsere Kunden sich nicht gegen einen dieser Aspekte entscheiden, sondern können beides wählen: individuelle Mobilität und Nachhaltigkeit."

Meine Vision lautet...
"...die Welt sicherer, vernetzter und nachhaltiger zu machen. Daran arbeite ich täglich - gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen sowie mit Lieferanten und Kooperationspartnern. Wir arbeiten gerade alle zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wir alle haben die Möglichkeit, jetzt etwas zu verändern und zwar wirklich zu verändern und Teil der Lösung zu sein."